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DlK - 000_2 - SPOILER - Qu'nin Erwacht - Druckversion

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- Sythazen - 13.09.2004

Ma'el hatte viele Vorkehrungen getroffen, und eine davon war der Sicherungsmechanismus der beiden von ihm genutzten Felsenkammern in diesem Tal. Der Eingang befand sich jeweils in einer nicht sehr tiefen Höhle, doch für Menschen war er nicht zu entdecken. Für sie war es einfach nur Fels, undurchdringliches Gestein. Doch sowohl Ma'el als auch Qu'nin hatten die Stellen gekannt, an denen der Fels in Wahrheit organisches Material war, das nur ihnen beiden den Zutritt gewährte - so, wie Ma'el es bei der Erschaffung jener Eingänge und ihrer Tarnung beabsichtigt hatte.
Mit langsamen Schritten, mehr war in seinem derzeitigen Zustand einfach nicht möglich, ging der Taelon auf den Ausgang der runden Kammer zu. Von dieser Seite war der Durchgang deutlich zu erkennen und Qu'nin sah sofort, dass Res Antlitz nicht die Welt erhellte. In der kleinen Höhle hinter dem Ausgang des nicht sehr großen Labors blieb Qu'nin stehen. Ein Teil von ihm fragte sich, ob sich die Menschen verändert, weiterentwickelt hatten. Und erst jetzt kam ihm der Gedanke, dass sein Volk möglicherweise hier war, weil die Menschen es kontaktiert hatten. Er wusste, dass er sich nicht auf Vermutungen verlassen durfte und ein einfacher Weg, etwas über die wahren Umstände heraus zu finden, wäre die Kontaktierung Zihra'ans. Sofort widersprach sich Qu'nin selbst. Auch die beiden gelandeten Taelons würden ihm Auskunft geben können. Obwohl... 'sicherer' für ihn selbst wäre es, sich durch Kontaktierung von Menschen ein Bild zu machen. So könnte sich Qu'nin einen Überblick über die derzeitige Entwicklungsstufe dieser Spezies verschaffen und gleichzeitig hinauszögern, dass andere seines eigenen Volkes von seiner Anwesenheit efuhren. Auf diese Weise würde er mehr Zeit haben, sich eine angemessene Lösung für das Problem einfallen zu lassen. 'Welches Problem?' fragte sich der Philosoph in Gedanken. Er müsste doch nur dafür sorgen, dass Zihra'an oder jemand anderer, der authorisiert dazu war, von seinem Aufenthaltsort erfuhr, bevor die anderen Taelons ihn bemerkten. Er... 'Sie dürfen nicht herkommen!' unterbrach er seine eigenen Gedanken und trat wenige weitere Schritte nach vorne, verließ den Schutz der Höhle und stand auf einmal in völliger Dunkelheit unter dem Sternenhimmel des blauen Planeten. Qu'nin hoffte, dass ihn sein Orientierungssinn sicher zu der entsprechenden Stelle auf der anderen Seite des Tals bringen würde. Ohne auf seine Umgebung zu achten, schleppte sich der Taelon mehr vorwärts, als dass er ging. Er musste es schaffen, er würde es schaffen.
Die Felswand, nur zu erkennen dadurch, dass die Dunkelheit dort noch schwärzer erschien, kam näher, doch der geschwächte Philosoph bemerkte dies erst, als er in seiner langsamen Vorwärtsbewegung gegen das raue Gestein stieß. War dies überhaupt die richtige Stelle? Er spürte nichts und setzte schon dazu an, die Wand mit seinen Händen abzutasten, als sich die Welt zu drehen begann. Die Augen schließend ließ sich Qu'nin auf den Sand sinken. Nur einen Moment ausruhen... Ein Gedanke tauchte plötzlich auf, eine Frage, auf die er keine Antwort wusste: 'Was mache ich hier eigentlich?' Verstieß er nicht gerade gegen die Anweisungen, die er einst erhalten hatte? Ergriff er soeben Partei für die Meinung eines anderen? Er wusste, es war Ma'els Meinung, aber er stimmte mit dem Älteren überein, was seine Einstellung zu den Menschen betraf. Warum? Er wusste es nicht. Oder vielleicht wusste er es doch... War nicht Ma'el für seinen derzeitigen Zustand mitverantwortlich? Doch es war ebenfalls Ma'el gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass Qu'nin überhaupt noch lebte...
Allmählich fühlte sich Qu'nin wieder fähig, aufzustehen. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen von etwas, das ihn weiter trieb, ihn dazu drängte, weiter zu machen. Nachdem er sich aufgerichtet hatte tastete der Taelon behutsam den Felsen ab und bemerkte nach einer Weile, dass sich etwa ein meh über ihm die gesuchte Felshöhlung befand. Damals war sie ebenerdig gewesen, so wie der Ausgang, aus dem Qu'nin vorhin gekommen war. Bedächtig legte er seine Hände auf die Felskante, die er gerade so erreichen konnte, und versuchte, mit seinen Füßen in der Wand Halt zu finden. Er würde sich nicht einfach hochziehen können, also musste er versuchen zu klettern. Ein Fuß hatte bereits Halt an der Felswand gefunden, doch als Qu'nin auch den zweiten vom Boden abhob, rutschten seine Hände ab und er fiel rücklings auf den Sand. Mühsam stand er wieder auf und versuchte es noch einmal, aber erst beim dritten Anlauf gelang es ihm, in die kleine Felshöhle zu klettern. Leicht schwankend ging der Taelon weiter, durch die Wand, die wie normales Felsgestein zu sein schien, bis er schließlich erneut in einem runden Raum stand, ähnlich dem, den er erst vor kurzem verlassen hatte. Doch hier befanden sich keine wissenschaftlichen Gerätschaften, der Raum war leer - abgesehen von dem Shuttle, dass in seiner Mitte auf dem Boden stand. Das Eintreten des Taelons hatte zur Folge, dass sich auch die Systeme dieser Kammer reaktivierten und sie in ein sanftes Dämmerlicht getaucht wurde.
Qu'nin trat näher an das Fluggerät heran und hob eine zitternde Hand. Er würde mit dem Shuttle den Nil überqueren und sich dann ein wenig in Waset umsehen. Sich mit einer Hand festhaltend stieg er in das Shuttle und ließ sich wenig elegant auf den Pilotensitz fallen.
Zu Qu'nins Erstaunen aktivierten sich der virtuelle Schild und die Shuttlesysteme sofort beim ersten Versuch. Alle Parameter befanden sich im normalen Bereich. Doch der Taelon musste feststellen, dass er den Datenträger mit den Koordinaten des Spähers nicht mehr bei sich hatte, möglicherweise war er bei seinem 'Kletterversuch' verloren gegangen. Also gab er die Koordinaten aus dem Gedächtnis ein und ließ die Sensoren im näheren Umfeld nach dem Späher suchen. Qu'nin würde seine Position und Bewegung im Auge behalten, auch wenn er sich für's Erste mit den Menschen befassen würde. Bevor er losflog, schloss der Philosoph noch einmal seine Augen und bemühte sich, seine schon etwas mehr als nur leicht zitternden Hände unter Kontrolle zu bekommen. Dann ließ er das Shuttle, dass sich im Gegensatz zu ihm in erstaunlich guter Verfassung befand, ein wenig vom Boden abheben und ging sofort in den interdimensionalen Raum über - dies war die einzige Möglichkeit, das Fluggerät aus dem, für das Manövrieren viel zu kleinen, Raum hinaus zu bekommen. Nur wenige Augenblicke später landete Qu'nin das Shuttle direkt vor dem Eingang zu Ma'els Labor, in dem er früher in dieser Nacht erwacht war. Da er nun vor hatte, zu den Menschen und nicht zu den Taelons zu gehen, würde er dafür sorgen müssen, dass sie ihn nicht sofort als definitiv nicht-menschlich erkannten. Zwar gab es eine, von Ma'el entwickelte, Möglichkeit, die dies mit vollkommener Sicherheit gewährleisten würde, doch in Qu'nins Zustand war sie mehr als nur ungeeignet. Stattdessen würde er zu der zweitbesten Methode greifen, die Ma'el und er auch schon früher angewandt hatten.


- Sythazen - 13.09.2004

Vorsichtig stieg Qu'nin aus dem Shuttle, nachdem er den virtuellen Schild vor sich mit einer Handbewegung hatte verschwinden lassen. Schritt für Schritt ging er auf die kleine Höhle zu, durchquerte sie, ging durch den verborgenen Eingang und steuerte in der Felskammer auf die gegenüber liegende Wand zu. Dort befand sich ein Regal mit verschiedenen Proben von Pflanzen dieses Planeten, aber auch von nicht-lebendigem Material wie zum Beispiel Bodenproben. In einem Fach dieses Regales lag jedoch etwas, das vor langer Zeit von einer Menschenfrau gefertigt worden war, die dem Ende ihres Lebens nahe gestanden hatte. Es war ein Kleidungsstück aus dickem, dunkelbraunem Gewebe, ein Umhang mit Kapuze, unter dem sich ein Taelon vor den Blicken der Menschen gut verbergen konnte. Sobald er in der Nähe Wasets gelandet wäre, würde er, wie er es bereits des öfteren getan hatte, eine Fassade aufbauen, die es zumindest so aussehen ließ, als bestünde sein Körper aus fester Materie. Außerdem würde so unter dem Umhang kein verräterisches Leuchten zu sehen sein. Diese Methode der Tarnung war auf jeden Fall weniger energieaufwändig als die andere, wenngleich das Risiko, enttarnt zu werden, größer war.
Vor dem Regal stehend, griff der Taelon nach dem Umhang. Er würde ihn erst anlegen, wenn er das Shuttle verließ... Mit diesem Gedanken, und dem Umhang in der rechten Hand, sank Qu'nin mit einer leichten Drehung auf die Knie und lehnte seinen Oberkörper gegen das Regal. In dieser Position blieb er lange Zeit regungslos sitzen, nahm seine Umgebung kaum wahr und verfolgte noch nicht einmal seine Gedanken. Selbst das war ihm zu anstrengend, seine Gedanken waren so widersprüchlich... Irgendwann gelang es ihm endlich wieder, sich zu fangen, seine Gedanken zu sortieren und zum Schweigen zu bringen. Den Umhang immer noch fest in der Hand, stand Qu'nin langsam auf und wandte sich wieder dem Ausgang zu. Zum zweiten Mal in dieser Nacht verließ er den Raum, in dem vor etwas mehr als 2000 Jahren ein Taelon eine schwerwiegende Entscheidung getroffen hatte.
Der Rückweg zum Shuttle kostete Qu'nin beinahe doppelt so viel Zeit, wie er für den Weg vom Shuttle zu der Höhle gebraucht hatte. Aber er würde nicht aufgeben, er musste sein Vorhaben vollenden. Der Taelon warf einen kurzen Blick zum Himmel hinauf. Der Stand der Sterne und Planeten sagte ihm, dass er mehr Zeit als beabsichtigt in der Kammer verbracht hatte. Schließlich kletterte er in das Fluggerät und vollführte eine Geste mit seinem rechten Arm, um die Systeme zu aktivieren. Doch abgesehen von einem kurzen Aufflackern der virtuellen Kontrollfelder geschah nichts. Ein wenig irritiert - vorhin hatte alles noch einwandfrei funktioniert - nahm Qu'nin einen leichten Kontakt zu dem Shuttle auf. Es schien ihm gut zu gehen und es hatte genügend Energie. Qu'nin konnte nun entweder aufstehen und sich davon überzeugen, dass tatsächlich alles in Ordnung war, oder er konnte einfach noch einmal versuchen, zu starten. Nach kurzem Zögern entschied sich der Philosoph für letzteres - und diesmal hatte er Erfolg. Ohne weitere Zwischenfälle hob das Shuttle ein wenig vom Boden ab, ging für kurze Zeit in die Interdimension über und landete am anderen Ufer. Für die Landung suchte Qu'nin eine Stelle aus, die am Rande des Stadtgebietes Wasets lag und in deren näherer Umgebung keine Lebensformen auszumachen waren. Auf diese Weise wollte er verhindern, dass Menschen sein Shuttle sahen. Bald bemerkte er, dass sich nahe der von ihm gewählten Stelle eine kleine, leer stehende menschliche Behausung befand. In dieser Hütte aus Lehmziegeln konnte er das Shuttle problemlos landen, da nicht nur ihre Ausmaße genau passten sondern ihr auch noch eine Überdachung fehlte.

Mit langsamen Schritten entfernte sich Qu'nin von Ma'els - oder von seinem? - Shuttle und näherte sich dem Ausgang der Behausung. Eine Platte, die, wie der Taelon es früher gesehen hatte, als Verschlussvorrichtung genutzt werden konnte, lehnte an der Wand neben dem Durchgang. Menschen nannten so etwas 'Tür' und es war aus dem Stamm einer hoch wachsenden Pflanze gefertigt worden, ein Material, das 'Holz' hieß. Doch obwohl es organisches Material war, lebte es nicht. Es war totes Material - so wie das, was Menschen benutzten, um Kleidung herzustellen. Trotz allem, trotz der relativ langen Zeit, die er und Ma'el hier verbracht hatten, konnte sich Qu'nin nicht mit diesem Gedanken anfreunden. Sich längere Zeit in einem toten Gebäude aufzuhalten war ihm unangenehm. Selbst menschliche Kleidung, wie den Umhang, den Qu'nin in der Hand hielt während er sich der Tür näherte, trug er nur ungern. Sie passte sich nicht seiner Form und seinen Bewegungen an, sondern umfloss seine Gestalt, berührte seinen Körper an manchen Stellen, an anderen wiederum nicht, und das alles war unstet, änderte sich bei jeder seiner Bewegungen...


- Sythazen - 13.09.2004

Der Taelon blieb direkt vor der, an der Wand lehnenden, Holzplatte stehen und betrachtete das Kleidungsstück in seiner Hand. Mit bedächtigen Bewegungen entfaltete er es schließlich und versuchte, sich daran zu erinnern, wie man es korrekt anlegte. Menschen und ihre Eigenarten waren damals, je nach dem Ort, an dem sie lebten, sehr unterschiedlich gewesen. Der mangelnde Kontakt zwischen den Völkern, die über diesen Planeten verteilt waren, hatte für eine eigenständige Entwicklung jedes einzelnen Volkes gesorgt. Selbst die Art sich zu kleiden hatte variiert. Und das nicht nur bedingt durch räumliche Entfernung, sondern auch durch temporale. Menschen veränderten sich schnell, veränderten ihre Art zu leben innerhalb weniger Generationen, erst in Kleinigkeiten, immer mehr, und dann... Qu'nin leuchtete hell auf als er bemerkte, wie sehr seine Gedanken abschweiften. Mit zitternden Händen hob er den Umhang auf, den er fallen gelassen hatte. So sorgfältig, wie es ihm möglich war, legte sich der Taelon das dunkelbraune Gewebe um die Schultern, nahm dann das nach rechts hinunter hängende Stück in die Hand, brachte es in Richtung seiner linken Schulter und wickelte es einmal um sich herum. Mit seiner linken Hand hielt er letztendlich ein Stück Stoff fest, das, würde er es loslassen, zuerst nach rechts-unten und dann nach hinten fallen und somit seinen Bekleidungsversuch zunichte machen würde. Wie hatte er es früher befestigt?

Ankh - Leben. Dieser Begriff hallte durch seinen Geist, doch er wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Dann kam jedoch ein Bild hinzu, das Schriftsymbol. Ein silbernes Ankh-Symbol... Was hatte das mit seinem Problem zu tun? Qu'nin schwankte, musste für einen Moment darum kämpfen, gerade stehen zu bleiben. Worüber hatte er soeben nachgedacht? Über das Leben? Sein fragender Blick fiel auf das, was seine Hand noch immer festhielt. Der Umhang, er musste ihn befestigen. Damals hatte er dazu eine Art Schmuckstück, eine silberne Spange in der Form eines Ankh benutzt. Wo war diese Spange jetzt? Er wusste, dass er sie immer mit dem Umhang zusammen aufbewahrt hatte, sie war an ihm befestigt gewesen... Zögernd entkleidete sich Qu'nin wieder, hielt den Umhang vor sich und besah sich den Stoff genauer. Warum war ihm nicht schon vorher aufgefallen, fragte sich der Taelon als sein Blick auf das silberne Ankh fiel, dass es an dem Teil des Kleidungsstückes befestigt war, das seinen Kopf bedecken würde? Ein wenig ungeschickt löste der Philosoph die Spange und hielt sie fest, während er den Umhang erneut anlegte. Diesmal konnte er den Bekleidungsvorgang erfolgreich abschließen und zog sich zuletzt auch noch die Kapuze über den Kopf und so weit hinunter, dass sein Gesicht im Schatten liegen würde. Den energieaufwändigsten Punkt seiner Tarnung hob sich der Taelon bis zum Schluss auf: So wie er und Ma'el es bereits oft getan hatten, verbarg er das Leuchten seiner Energie nun unter einer Fassade, die für einen Menschen wohl wie eine blasse Haut aussah.
Ohne den Durchgang zu verschließen, verließ Qu'nin die Hütte und wandte sich nach rechts, in die Richtung Wasets. In der Dunkelheit waren nur sehr wenige Menschen unterwegs, was für ihn bedeutete, dass ihn nicht allzu viele dieser Individuen sehen würden. Er bräuchte vorerst nur einen einzigen Menschen, um sich über den derzeitigen Entwicklungsstand dieser Spezies zu informieren.


- Sythazen - 13.09.2004

Qu’nin erwacht!

Es war eine dunkle Neumondnacht, die den Sternenhimmel in all seiner Pracht zur Geltung kommen ließ. Hor-descher strahlte in tiefem Rot und der Glanz Hor-ka-pets übertraf wie immer den hellen Seba-schemau-pet.
Jahrtausende alte Luft und Dunkelheit umgaben Dinge, die nicht an jenen Ort gehörten. Verborgen in uraltem Fels, zwischen den heiligen Stätten der maa-cheru sa Re, der Söhne Res, befanden sich längst vergessene Relikte, deren Heimat weder Kemet war, noch eines der umliegenden Länder. Vor vielen Überschwemmungen war Ruhe eingekehrt in jene Felsenkammer, in die Res Strahlen nicht einzudringen vermochten. Doch nun spürte ein lebendiger Teil dessen, was sich in der Kammer befand, die Annäherung von etwas Vertrautem. Und so, wie es vor langer Zeit befohlen worden war, weckte es den, der geschlafen hatte, damit er zu den Seinen Kontakt aufnehmen konnte. Ein sanftes Leuchten begann, den Raum in Dämmerlicht zu hüllen, als sich die Systeme reaktivierten.
Langsam kehrte der Geist des Taelons zurück in die Realität. Deutlich verwirrt und desorientiert fühlte er mit geschlossenen Augen in seine Umgebung hinein. Mit der Zeit wurde ihm klar, wo er sich befand und dass alles noch so war, wie er es 'verlassen' hatte. Zögernd öffnete er seine Augen. Er fühlte sich schwach... Und mit einem Mal stürzten verschiedene Gedanken gleichzeitig auf ihn ein, was ihn dazu veranlasste, seinen Versuch sich aufzurichten, abzubrechen. Zurücksinkend begann er damit, seine Gedanken zu entwirren und nacheinander zu betrachten. Er war aufgeweckt worden, das hieß, Taelons näherten sich der Erde. Taelons... Das Gemeinwesen... Er konnte es kaum noch spüren. Selbst die wenigen anderen, die so waren wie er, konnte er kaum spüren, dabei war diese Verbindung immer stark gewesen. Es war nicht gut, so weit weg vom Gemeinwesen zu sein... Doch er geriet nicht in Panik, so wie es bei vielen anderen sicher der Fall gewesen wäre. Er musste Ruhe bewahren, damit er rational denken und eine Lösung finden konnte. So war es ihm beigebracht worden.
Schließlich stand Qu'nin doch auf. Seine Bewegungen waren langsam und nur auf das Nötigste beschränkt. Er musste mit der ihm verbliebenen Energie sparsam umgehen. Zielstrebig trat er von der Stasis-Kapsel weg, auf die Systemkontrollen zu und rief Informationen darüber ab, wie lange er hier gewesen und was der Grund der Reaktivierung war. 'Rund 2000 Erdenjahre.' Er registrierte diese Information ohne jegliche Wertung und wandte sich dem Ergebnis seiner zweiten Anfrage zu. Zwei Taelons näherten sich der Erdoberfläche in einem Späher.
Qu'nin hatte seine rechte Hand schon leicht erhoben, um einen Kommunikationskanal zu Zihra'an, seinem früheren Mentor, zu öffnen. Es war seine Pflicht, von den Geschehnissen zu berichten, von dem, was Ma'el getan hatte. Doch etwas hielt ihn zurück. Die Taelons durften nicht herkommen, durften nicht die Menschen erforschen, sich ihnen offenbaren und sie benutzen und manipulieren. Unschlüssig ließ der Taelon seine Hand zuerst wieder sinken, erhob sie dann jedoch wieder halb. Sie durften nicht herkommen! Erleichtert stellte er fest, dass sich anscheinend noch keine anderen Taelons auf der Erde befanden. Das würde es leichter machen. Er würde Zihra'an kontaktieren und ihn davon in Kenntnis setzen, dass es am besten für die Taelons wäre, umzukehren. Die Erde und ihre Bewohner waren nicht für sie bestimmt. - Noch nicht. - Nein. Er korrigierte seine eigenen Gedanken. Das würde nicht reichen. Eine solch schwerwiegende Entscheidung würde nicht auf Grund seines Urteils, des Urteils eines vergleichsweise unerfahrenen Taelons, getroffen werden. Zumal er schließlich auch 'nur' Philosoph war. Er musste einen anderen Weg finden. Noch war ihm dies möglich, noch war er unentdeckt... noch hatte er Energie.
Würden sie die Erde verlassen, wenn sie feststellten, dass ihre Bewohner gefährlich waren? Dass sie Taelons gefährlich werden konnten?
Qu'nin sorgte dafür, dass er, sobald der Späher landete, über den Standort informiert werden würde. Dann legte er sich erneut in die Stasis-Kapsel, jedoch ohne diese zu aktivieren. Er wollte sich einfach nur ausruhen und dadurch Energie sparen, dass er ruhig liegen blieb, solange es nichts für ihn zu tun gab.
Seine Gedanken wanderten umher. Er fühlte sich so einsam, wie noch nie zuvor... Aber es war nicht wichtig, wie er sich fühlte. Seine Gedanken wanderten weiter. Sogar jetzt, nach diesen wenigen Bewegungen seit seinem Erwachen, spürte er Erschöpfung. Würde er in diesem Zustand tun können, was er tun musste? Leise Zweifel kamen in ihm auf. Er erinnerte sich vage, dass seine Einstellung der Rasse gegenüber, die sich Menschheit nannte, damals nicht die gleiche gewesen war wie jetzt. Doch dieser Gedanke verschwand zu schnell wieder, entwand sich seinem Griff, bevor er ihn näher betrachten konnte. Er hatte keine Wahl, er musste handeln. Würde er Kontakt zu anderen aufnehmen, würden sie ihn in bald Stasis schicken.
Irgendwann riss ein leiser Signalton den Taelon aus seinen Gedanken. Erneut stand er auf und wandte sich den Kontrollen zu. Es sah zwar nach einer kontrollierten Landung des Spähers aus, wie Qu'nin feststellte, jedoch fragte er sich, warum sie in einem Teil des Ozeans, der diesen ganzen Planeten zu einem Großteil bedeckte, landeten. Immerhin konnte es sein, dass es eine Art Notlandung gewesen war... Wäre es so und würde er nun nichts unternehmen, dann bestünde zumindest die Möglichkeit, dass jene beiden Taelons ihren Auftrag nicht würden erfüllen können. Doch sicher kämen dann andere Taelons... Qu'nin schreckte vor dem Gedanken zurück, seinen 'Brüdern' Hilfe zu verweigern, die sie eventuell benötigten. Dies war keine akzeptable Handlungsalternative. Doch vielleicht konnte er die beiden davon überzeugen, einen Bericht zu überbringen, der ganz in seinem Sinne war.
Einen Moment zögerte Qu'nin, stand regungslos vor dem Datenstrom und überlegte. Zu Ma'els Verfügung hatte, neben seinem Schiff, auch ein kleines Shuttle gestanden, mit dem er verschiedene Orte auf diesem Planeten bereist hatte. Dieses Shuttle befand sich, gut versteckt, in einer anderen Felsenkammer auf der gegenüber liegenden Seite des set-weret, des Großen Ortes, eines Wüstentales nahe der Tempelanlagen Wasets. Doch der Philosoph konnte nicht sagen, ob jenes Shuttle noch über genügend Energie verfügte, um die beiden Taelons her zu bringen. Um das heraus zu finden, müsste er zu dem Shuttle gehen. Also nahm Qu'nin einen kleinen, flachen Gegenstand von einer Ablagefläche, die sich rechts von ihm befand, und transferierte die Koordinaten des Spähers auf den Datenträger, bevor er den Befehl gab, den Ausgang frei zu geben.