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DlK - 010 - Laura's Alltag - Druckversion

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- Sythazen - 02.11.2003

DlK - 010 - Laura's Alltag

Gerade wurde sie fertig mit Abendessen zubereiten und fing an den Tisch für eine Person zu decken. Bei ihr kam selten jemand anders als der Postbote vorbei, so war es meist auch still in die kleine Wohnung. Nur leise klirrte das aneinander schlagende Geschirr, als sie die enge Küche in ihrem Rollstuhl sitzend verließ, den Teller, ihr Glas und das Besteck samt Tischset auf ihren Schenkeln liegend. Gewiss, Laura hätte auch in der Küche essen können, doch änderte sie dies im Laufe der Jahre, da es in der Küche keinerlei Fenster gab, was wiederum sie betrübt hatte. Ein solches befand sich nur in Wohn- und Schlafraum, wies auf den kleinen alten Hinterhof, in welchem sich nebst drei Bäumen nur noch die Container befanden. Sterne waren hier mitten in der Stadt noch nie zu sehen gewesen, dafür gab es in der Nacht zu viele Lichtquellen, aber selbst bei einem Stromausfall in mehreren Quartieren wollte sich daran nichts ändern; die Sicht auf die Sterne wurde vom dicken Nebel verdeckt, welcher jede Minute weiter verdickt wurde vom unablässigen Straßenverkehr. Das Klappern verstummte. Sie hielt den Rollstuhl an, richtete ihren Essplatz ein, kehrte anschließend mit schneller Bewegung in die Küche zurück und holte den Reis und die zurechtgeschnittenen Tomaten. Dann zurück an dem kleinen quadratischen Holztisch griff sie zu den Streichhölzern und entfachte eines um damit die kleine Teelampe anzuzünden. Nun schöpfte sie sich von beiden Speisen, hielt einen kurzen Moment inne und kam innerlich zur Ruhe, ehe sie zu essen begann. Nichts war zu hören außer dem leisen Anschlagen von Gabel und Messer auf dem gelben, flachen Teller. Anschließend räumte Laura wieder alles ab, spülte das wenige an Tassen, Tellern und sonstigem Geschirr, welches sie die letzten zwei Tage gebraucht hatte und löschte die Lichter sowie die eine Kerze. Nun war es völlig still, so wechselte sie erst ins Bad, wusch sich, band ihr langes dunkles Haar und putzte mit Routinegriffen ihre Zähne. Mit einem leichten Holpern über die kleine Schwelle hinaus, welche den minimal bemessenen Raum abgrenzte, bewegte sie sich in ihr Schlafzimmer. Dort drehte sie das Radio auf und schlug die Lokalzeitung auf, wiederum fanden sich darin einige Lappalien, Überfälle, Unfälle und weiter tagtägliche Ungerechtigkeiten.

Gewohnheitsbedürftig las sie Seite für Seite in der unbewussten Erwartung etwas sensationelles oder für sie wichtiges zu entdecken. Wie üblich fand sich in den dünnen, recycelten Papieren nichts dergleichen, so brachte Laura die Zeitung routiniert in ihre Sammlung direkt im kleinen Vorraum zu ihrer Wohnung. Bald würde sie diese wieder runterbringen dürfen, denn der Karton war bereits nahezu voll. Leise darüber seufzend, drehte sie sich an Ort und Stelle und rollte sich mit drei Schwungvollen Anläufen in ihren Schlafraum zurück, bremste leicht ab und nahm ihre Beine mithilfe ihrer Arme hoch, legte sie leicht auf das Bett. Dann beugte sie sich vor und begann von unten her zuerst den rechten Fuß, danach den linken leicht zu massieren, wobei sie spürte, wie es ihr wohltat, jedenfalls dort wo sie noch ein Gefühl dafür hatte. Langsam ging sie zu den Waden übe, fuhr über die Knie weiter und endigte bei den Leisten. Es löste ihr im gesamten Körper ein Wohlgefühl aus, allein dadurch, dass die Durchblutung etwas verstärkt wurde. Anschließend fuhr sie gerade soweit zurück, dass ihre Beine von der Bettkante rutschten, stellte mit geschickten Bewegungen ihr schwarzes Gefährt dicht am Kopfende des Bettes ab und hob sich auf ihre durch gestreckten Arme gestützt aus dem Sitz, schwang hinüber auf die Matratze und zog sich tiefer ins Bett, bis auch ihre Füße nachgekommen waren. Derweil wurde im Radio die Hitparade fortgeführt und erreichte den 5. Chatsong. Kaum aber, dass das Licht aus war und sie sich zugedeckt hatte, verstummte auch das Radio wieder. Mit vielen Gedanken schlief sie ein ein, träumte davon, dass sie durch Gänge ging, Schulgänge die zu Bürogängen wurden, träumte von einem Rollstuhl, der ihrem glich, der keinem gehörte, gegen den sie erst ankämpfte, ehe sie ihn anfing zu benutzen. Es war einer der Träume, die sich immer wiederholten, seit damals als sie erfuhr, dass der Rollstuhl ihre dauerhafte Begleitung werden sollte.

Das Radio. Es war früher Morgen. Laura erwachte. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Gähnte einmal kräftig ehe sie sich auf ihre Arme gestützt aufrichtete. Kurz orientierte sie sich innerlich wieder, überlegte was heute alles zu tun war. Dann zog sie sich an die Bettkante neben ihren Rollstuhl. Mit einem kleinen Kunstgriff sass sie kurz darauf auch darin, löste die Bremsen und machte sich auf ins Bad. Bevor sie an etwas anderes dachte, griff sie zum Waschlappen und hielt ihn unters kalte Wasser, fuhr anschließend damit übers ganze Gesicht sowie über die Unterarme. Nun erst fühlte sie sich wach, anwesend. Sie hängte den Lappen zurück und rollte hinüber in die Küche, stellte eine Pfanne mit Teewasser auf, damit dieses zeitig heiss wäre. Zurück im Schlafzimmer zog sie sich das Nachtgewand aus und kleidete sich an. Wie auch schon am Vortrag trug sie wieder eine Blaue Jeans und eine Jeansbluse, zog wieder die Turnschuhe an. Im Hintergrund hörte sie das Wasser aufkochen, genau rechtzeitig. Sie kehrte wieder in die Küche zurück, griff eine der Tassen aus den unteren Schränken, nahm einen Teller, ein Messer und brachte dieses hinaus auf den Tisch. Anschließend holte sie zwei Scheiben frisch geschnittenes Brot, Margarine, Marmelade und den Zucker. Zuletzt erst goss sie den Tee auf in einer Kanne und brachte auch diese zu Tisch. Sie fing an, dass Brot zu bestreichen, goss dann, ehe sie den ersten Bissen tätigte, den Tee in ihre blaue Tasse, fügte diesem zwei Löffel Zucker bei und rührte kurz mit dem Messerstiel um. Nun führte sie die erste Scheibe zu ihrem Mund, biss ab und kaute gemütlich den Bissen, bevor sie ihn schluckte. Nach der zweiten Scheibe nahm sie den Tee und trank ihn in kleinen aber raschen Zügen aus. Zweimal goss sie noch nach, ehe sie satt und zufrieden war.

Still begann sie den Tisch nach dem kleinen Frühstück wieder abzuräumen und stellte das Geschirr ins Waschbecken. Dann kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und richtete ihr Bett wieder her, lüftete kurz und schloss anschliessend wieder das Fenster. Ein kurzer Blick auf die Uhr des Radios verriet Laura Wheller, dass es Zeit war, zur Arbeit zu gehen. Sie drehte das Radio aus und prüfte dann schnell den Inhalt ihres Rucksackes. Ja, es war alles noch darin: ihr Handy, die Papiere, ein kleiner Notizblock, etwas Schreibzeug, Taschentücher. Das Handy nahm sie heraus und steckte es in eine der Taschen ihrer Jeanshose, so hätte sie es für den Fall schneller griffbereit. Dann schwang sie den Rucksack hinter sich und liess ihn auf die Griffe gleiten, wo er den Tag über blieb. Nun rollte sie zur Eingangstür und sperrte auf. Dann verliess sie ihre Wohnung, sperrte von aussen mit dem Wohnungschlüssel des kleinen Schlüsselbundes zu und hängte sich diesen dann wie immer um den Hals. Danach erst machte sie eine halbe Drehung und bewegte sich auf den Lift des Wohnblockes zu. Mit einem Knopfdruck bestellte sie den kleinen Lift in ihre Etage und befuhr diesen dann. Unten im Erdgeschoss verliess sie den kleinen fahrbaren Raum wieder und bewegte sich auf den Gebäudeeingang zu.

Mit der einen Hand fasste sie dort die Türklinke und fuhr mit der freien Hand rückwärts um die Tür zu öffnen. Dann fuhr Laura schneller als dass die Tür sich schloss nach draußen zu der kleinen Aluminiumrampe, welche man extra für sie an der linken Seite über die drei Stufen gelegt hatte. Mit beiden Händen an den Rädern bremste sie sich hinab und bog dann nach rechts ab, rollte dem unebenen Gehsteig entlang zu ihrer Arbeitsstelle. Es war nur ein verhältnismäßig kurzer Weg dorthin, doch machte sie sich immer pünktlich auf zur Arbeit, für den Fall, dass Unterwegs etwas dazwischen käme, so hatte sie auch heut 45 Minuten Zeit für eine Strecke die sie notfalls sogar in 25 Minuten zurückgelegt hätte. Doch bereits zu früher Stunde waren die Gehsteige und Strassen New Yorks äußerst überfüllt,
jeder wollte zur Arbeit, ins Geschäft, in die Schule oder sonst wohin, so musste sie sich wie üblich geschickt durch die Fußgänger fädeln, denn die Underground nutzte sie äußerst ungern.

Laura dachte kaum über etwas nach, wie sie den Gehsteig ihres Blocks abfuhr, auch nicht, wenn sie eine Strasse kreuzte, sie wusste, dass man hier immer aufmerksam sein musste, denn die Autos fuhren aggressiv und schnell, als würde jede Sekunde Millionen wert sein. Gerade eben durchquerte sie den kleinen Park, in welchem Mittags so manch einer seinen Burger aus einer Fast Food Kette hastig verschlang, als sie von fern her die acht Uhr Glockenschläge hörte. In einer halben Stunde müsste sie an ihrem Platz sein, dachte sie sich, doch wäre sie bereits um viertel nach beim Gebäude. Sie gab den Rädern wieder etwas mehr Schwung, denn auf den hellen Kieseln kam sie nicht so leicht voran wie auf dem festen Teer und dennoch machte sie den längeren Weg durch diesen Park lieber als aussenrum direkt neben dem lauten Verkehr. Und wieder hatte sie festen Untergrund, Laura kam nun wieder schneller voran. Noch hatte sie eine Strasse zu überqueren und musste dann eine lange schmalere Seitenstrasse bis an ihr Ende fahren und noch einmal nach rechts abbiegen. Die lange Seitenstrasse. Es war das einzige Wegstück, welches sie äußerst ungern befuhr und beim Eindämmern am liebsten mied. Was jedoch im Winter nicht immer machbar war, wenn es viel zu tun gegeben hatte. Dies waren dann jene Zeiten gewesen, in welchen sie die Strecke nach Hause in 25 Minuten hinter sich gebracht hatte, wobei es sie zu Anfang noch außer Atem brachte, mit der Zeit aber ein gutes Training für ihre Muskeln darstellte
und sie allgemein stärkte. Doch jetzt war sie an ihrem Ziel und fuhr die an der Seite unauffällig in
die Architektur eingebundene Rampe hoch, welche bei öffentlichen Gebäuden ohnehin Pflicht war, da sie Gehbehinderten den einzigen Zugang zum Gebäude selbst gewährte. Drinnen grüsste sie die Angestellten des Empfanges, ehe sie sich weiter vor zum Lift bewegte und diesen per Schalter verlangte. Der Lift hier, war wie das gesamte Bauwerk leicht und hell in der Erscheinung, ganz anders also als in ihrer Wohnung, wo das Treppenhaus eher kalt und finster wirkte. Der Lift kam, sie schob sich mit zwei Bewegungen in die geräumige elegante Kabine und drückte auf die Taste ihres Geschosses, woraufhin sich der Lift nach oben bewegte. Der Aufzug brauchte gut eine halbe Minute hoch, eine halbe Minute, in welcher es innen ruhig und friedlich war. Zeit, in welcher Laura Wheller ihre Tätigkeit wieder
genau ins Gedächtnis rief um den ganzen Tag über ohne Ablenkung durch etwas anderes diese auszuführen. Die Türen öffneten sich wieder und sie machte sich ohne lange Umschweife hinüber in ihr Büro. Es lag weiter hinten am Flur, da bei ihr keine Kundschaft zu erscheinen brauchte, sie nur mit einigen Leuten des Unternehmens selbst Kontakt hatte und selbst diesen zumeist über Interne Mails oder per Telefon. Dies war bei ihrer Arbeitsstelle von Natur aus so gegeben.

wird fortgesetzt …