Der Baum

Normale Version: 24. Türchen: Der Kriegsherr, Teil 10
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Da'an richtete sich erwartungsvoll auf, als der Replikant erneut seine Gestalt änderte. Zu seiner Verblüffung stand nun allerdings T'than vor ihm.
Auch die Hybriden und Lili waren darüber gelinde gesagt verwundert, verständlicherweise.
"T'than, wie ist es dir ergangen?", fragte Da'an.
"Ich bin mit Vorjak zu einer Einigung gelangt", sagte der Kriegsminister. "Der Krieg ist beendet, sorge dafür, dass Qo'on alle Truppen zurückruft."
Da'an legte den Kopf schief. "Ich sehe dich nicht, T'than, nur eine Nachbildung ohne deine energetische Ausstrahlung. Ich kann nicht sicher sein, dass du es bist, der mir das sagt."
"Er ist es", sagte Katrina. "Spürst du es nicht, Da'an?"
Er wandte sich zu seiner Tochter. "Was soll ich spüren?"
"Im Gemeinwesen, seine Aufregung darüber! Der Krieg ist vorbei, Da'an!"
Der Replikant eilte zum Portal und stellte etwas ein. "Ich kehre zurück", sagte T'than, "und bringe Vorjak und einen weiteren Jaridian mit."
Er brachte gleich zwei Jaridians mit? Da'an sah besorgt zu den Hybriden, die ihre Hände sicherheitshalber geöffnet auf das Portal richteten.
Der Replikant stand nun eine ganze Weile regungslos neben dem empfangsbereiten Portal, T'than steuerte ihn offenbar nicht mehr, sondern war hoffentlich tatsächlich auf dem Weg zum Portal auf Jaridia.
Das bestätigte sich, als sich das Portal aktivierte. T'than und Vorjak standen darin, aber Da'an sah keinen weiteren Jaridian. Hatte dieser es sich anders überlegt?
T'than kam aus der Kiste heraus und zeigte Da'an seine zu einer Schale geformten Hände. "Das", sagte er, "ist Ariel. Auch die Jaridians verloren ihre Kinder, und diesem Kind konnte ich helfen."
Da'an flackerte grell auf. Ein Jaridian-Kind, kaum größer als ein Taelon-Neuabgelöstes!
"Meine Tochter", ergänzte Vorjak, "und ich bin dankbar."
Da'an sah zu den Hybriden, die ihre Hände nun gesenkt hatten, allerdings alle Vorjak fast durchdringend ansahen. Was sahen sie an ihm? Da'an erkannte nichts Bedrohliches, nichts Erschreckendes, nichts, was solche Blicke rechtfertigen würde.
Lili bemerkte es auch, und sie fragte nach: "Stimmt etwas nicht? George? Katrina? Was ist los?"
Der Reihe nach rissen sich die Hybriden aus ihrer Trance, kurz wechselten sie einige Blicke, dann ergriff Liam das Wort. "Unsere Energiewahrnehmung brachte uns ... interessante Erkenntnisse."
"Über Jaridians?"
"Über Umrathma."
Sally ging zu Vorjak und betrachtete ihn, als wäre er eine Statue. "Umrathma wirkt auf dich", sagte sie. "Dein Körper leidet darunter. Ich erkenne wiederholte teilweise Zerstörung und Heilung. Du trägst keinen Kampfanzug, sondern einen Heilanzug."
"Einen Kühlanzug!", korrigierte Vorjak. Sie hob eine Hand und legte ihre Handfläche auf seine Brust, ihre Energie strömte sichtbar auf ihn ein. "Umrathma?", fragte er nun nach.
Katrina fuhr sich mit beiden Händen durch ihre kurzen rotblonden Haare. "Ich erzählte zuvor, bevor Kira da war, dass ich mich an eine taelonische Waffe erinnere, die quasi in jaridianischer Körperenergie eine Art Autoimmunreaktion induzierte." Sie sah zu Da'an, dann zu Vorjak. "Das ist Umrathma! So wirkt es auf euch Jaridians, und auf Taelons ..." Wieder sah sie zu Da'an. "Auf Taelons wirkt es auch, anders, schwächer, aber auf Dauer nicht weniger fatal."
"Und was ist Umrathma nun?", fragte der Jaridian.
"Ich würde sagen", kam von George, "Umrathma ist eine künstlich induzierte interdimensionale Grundschwingung."
"Die Frage ist also", fuhr Zhang fort, "von wo aus sie induziert wird."
Liam schüttelte den Kopf. "Nein. Die Frage ist, warum sie induziert wurde."
"Richtig ..." Katrina ging einige Schritte, wandte sich um und ging wieder fast zurück an den Ausgangspunkt. "Ist Umrathma eine Waffe mit Nebenwirkungen?", fragte sie. "Oder eine Bindungsschwingung mit Nebenwirkungen?" Sie ging zum Tisch und ließ sich auf einen Sitzplatz fallen. "Ich denke, eine weitere Erinnerungsmeditation ist unumgänglich ..."
"Die Frage ist es durchaus wert, beantwortet zu werden", ergriff T'than das Wort, "aber die Beantwortung ist nachrangig. Ich kam bereits auf dem Mutterschiff nach meiner eigenen Erinnerungsmeditation gemeinsam mit Qo'on zum Schluss, dass Umrathma auf lange Sicht zerstört werden muss." Er gab das Jaridian-Kind vorsichtig an dessen Vater zurück. "Jetzt, mit Wissen darüber, was es bei Jaridians anrichtet, wurde das sehr viel dringender."
Da'an flackerte entsetzt auf. "Zerstört? Der Rückfall der Taelons in barbarische Zeiten wäre die Folge!"
"Daran zweifle ich." T'than wies mit einem Nicken auf Katrina. "Die Hybriden sind kaum gebunden und definitiv nicht barbarisch."
"Aber teilweise menschlich!", gab Da'an zu bedenken. "Menschen sind nicht so barbarisch wie die damaligen Taelons."
"Ich zweifle sogar daran, dass die damaligen Taelons wirklich so barbarisch waren", warf Zhang ein. "Ha'gel war zwar vermutlich ... vorbelastet in dem Sinne, dass er selbst ziemlich barbarisch war, aber jedenfalls dachte er nicht, dass die Taelons vor Umrathma barbarisch waren. Immerhin ..." Er runzelte die Stirn. "Immerhin ... ich glaube, ich bin über die Antwort gestolpert." Kurz atmete er tief durch und konzentrierte sich sichtlich, dann sagte er: "Ja, immerhin haben die Taelons vor Umrathma keinen Krieg geführt."
Da'an sah zu den anderen Hybriden. Katrina, Sally und George setzten sich gerade an den Tisch und schimmerten blau durch ihre Haut. Eine Erinnerungsmeditation?
Eine kurze Erinnerungsmeditation, denn schon nach wenigen Minuten sahen sie wieder ganz menschlich aus.
"Umrathma", sagte Katrina, "war eine Waffe für einen Präventivschlag. Umrathma war der Beginn des Krieges." Sie stand auf und straffte sich. "Wir sollten Umrathma zerstören, es schadet nur!"
"Damit wären wir wieder bei meiner Frage", ergriff Zhang das Wort. "Von wo aus wird die Schwingung induziert?"
"Zweifellos auf dem Mutterschiff", sagte T'than. "Da'an, ich werde die Synode informieren."
"Wir begleiten dich", beschloss Katrina. "Es ist möglich, dass sich Umrathma nicht so einfach zerstören lässt."
"Keinesfalls!", widersprach er schnell. "Es besteht sonst das Risiko, dass die Synode mich als von euch bedroht wahrnimmt! Captain Marquette, bitte fliegen Sie mich aufs Mutterschiff."
Lili nickte, dann folgte sie ihm aus dem Raum.
"Irgendwie hat er ja Recht", sagte Sally seufzend, "aber vielleicht wird er gewaltige Probleme haben, wenn er Umrathma zerstören will." Sie straffte sich, setzte sich in Bewegung und betrat einen Nebenraum. "Will noch jemand Kaffee?", rief sie noch.
"Gerne!", rief Liam zurück, nach einem kurzen Blick auf Katrina ergänzte er: "Zwei!"
"Tee!", bestellte Zhang.
George wollte derweil nichts, er musterte stattdessen das Abbild von T'than. "Rayna?" Da'an verfolgte nicht als einziger erstaunt, wie sich die Gestalt des Replikanten in jene der menschlichen Frau wandelte. "Wie menschlich bist du?", fragte George. "Wie sehr bist du wirklich Rayna?"
Rayna lächelte knapp. "Die Information ist zweifellos nicht die, die du hören willst. Rayna ist tot. Ich bin ein Abbild mit Persönlichkeitsprogramm, erzeugt, um Rayna darzustellen."
"Die Frage, ob du ein Bewusstsein hast, ist vermutlich nicht beantwortbar."
Sie musterte ihn. "Nein, streng genommen nicht."
"Dann komm und trink einen Kaffee mit uns." Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und führte sie in den Nebenraum, in dem schon Sally war. Jetzt folgten ihnen auch die anderen Hybriden, Zhang nahm dabei den Holographiewürfel mit, offenbar konnte der Widerstand nun nicht mehr beobachten.

Da'an sah sich im nunmehr fast leeren Raum um, er fühlte sich vom so plötzlichen Aufbruch etwas überrumpelt. Zudem stand ihm ja auch ein Jaridian gegenüber, auch wenn dieser wohl keine feindlichen Absichten mehr hegte.
Dennoch, wirklich wohl war ihm nicht, auch wenn die Hybriden ganz in der Nähe waren. Er wandte seinen Blick von Vorjak ab, begab sich an den Tisch und setzte sich.
"Die gesamten Aufzeichnungen des Replikanten lagen mir vor", ergriff der Jaridian das Wort. "Auch der Tod deiner Kinder Si'nel und Zo'or. Ich bedaure, dass der Replikant ... Rayna Si'nel nicht retten konnte."
Da'an sah auf und schüttelte den Kopf. "Zo'or wäre dennoch tot, das war unvermeidlich", sagte er, "und auch er war mein Kind."
"Er tötete sein Geschwister. Weshalb?"
"Er tötete ein Kind des Kriegsherrn, weiteres war für ihn nicht von Belang."
"Ich verstehe. Die Nachteile eures genetischen Gedächtnisses: Auch Neugeborene können als ... schuldig angesehen werden." Jetzt kam Vorjak näher, er setzte sich zu Da'an. "Unvorstellbar für einen Jaridian. Unvorstellbar ..." Er sah auf den winzigen Jaridian in seinen Händen. "Kinder sind wertvoll. Zu wenige von ihnen überleben, viel zu wenige."
"Zu wenige", wiederholte Da'an. "Ich habe vier Kinder in Stasis. Bisher gab es keine Aussicht auf ein Erwachen. Der Energiemangel hätte uns bereits einmal fast ausgerottet und nun ist es wieder soweit."
"Was hat euch damals gerettet?"
"Jemand mit schwacher Bindung an Umrathma", sagte er, aber er nannte den Kriegsherrn weder bei Namen noch Titel.
Die Augen des Jaridian weiteten sich, er verstand offensichtlich. "So wirkt Umrathma auf euch also. Auf Dauer tatsächlich nicht weniger fatal."
"Seit Generationen wussten alle Taelons, dass die Herstellung von Grundenergie verloren wurde", sagte der Taelon, "aber ich bin nun davon überzeugt, dass einzig Umrathma sie uns verwehrte."
"Ihr habt danach geforscht, nehme ich an."
"Vergeblich. Wir haben die Dosierung perfektioniert und Möglichkeiten entwickelt, mit sehr wenig Energie auszukommen, aber eine Herstellung ist uns nicht gelungen." Er formte eine bedauernde Geste, hielt seine Hand aber dann aber starr in der Luft und sah dem Jaridian durchdringend in die Augen. "Die meisten Taelons sind in Stasis", gab er zu, "und nur mehr 68 sind wach."
Vorjak sprang auf, so verdutzt war er. "68 Taelons? Wir haben gegen nur 68 Taelons einen so erbitterten Krieg geführt?" Er besann sich, als das Kind fast aus seinen Händen rollte, schnell, aber sehr vorsichtig fing er es auf. "Wir dachten, ihr wärt feige", sagte er dann, "aber ihr wart schlicht kaum genug Leute für eine Kompanie, geschweige denn für ein Regiment oder gar eine Armee!"
"Deshalb die Unterwerfung von unbeteiligten Planeten, ja", gab Da'an zu, "und zum Zweck der Forschung an Grundenergieherstellung. Wir waren ..." Er senkte seine Hand und dann seine Augenlider. "Wir waren verzweifelt. Seit Generationen kurz vor dem Aussterben und wir werden immer weniger, da die Schwachen in Stasis gehen."
"Erschreckend vertraut", antwortete Vorjak. "Das Fieber wütet immer schlimmer. Noch in meiner Kindheit war es unvorstellbar, dass ein Neugeborenes daran leidet, aber inzwischen betrifft es fast jedes. Auch wir werden weniger."
Zwei aussterbende Spezies, und Umrathma war verantwortlich. Da'an hob den Blick und straffte sich entschlossen. Ja, Umrathma musste zerstört werden!

***

T'than betrat die Räumlichkeiten der Synode und stellte fest, dass er mit einiger Anspannung erwartet wurde. Als er auf seinem Platz saß und seine Energie zeigte, sprang Mit'gai verdutzt auf.
"Was siehst du, Mit'gai?", fragte Qo'on mit strenger, aber beruhigender Stimme.
"T'than ist nahezu nicht gebunden!", erklärte der Heiler. "Ich sehe sogar Shaqarava!"
Die anderen Synodenmitglieder betrachteten die Energie des Kriegsministers nun ausgiebig.
"Das ist kaum zu erkennen", bemerkte A'nat, "daher kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bindung so schwach ist, wie Mit'gai behauptet."
"Es ist aber tatsächlich zu erkennen", gab Ma'or zu bedenken, "und Shaqarava ist durchaus ein bedenkliches Anzeichen."
"Keineswegs", widersprach T'than.
J'dan flackerte auf. "So? Erkläre dich!"
"Es gab mehrere äußerst bedenkliche Erkenntnisse, die sich im Wesentlichen darauf zusammenfassen lassen, dass Umrathma das Aussterben der Taelons herbeiführen wird, wenn wir nicht etwas dagegen tun."
Mit'gai verletzte die Regeln für Synodensitzungen und trat zu T'than, um dessen Energie noch genauer zu untersuchen, er nahm dann auch kurzerhand einen Handscanner zu Hilfe, den er im Grunde in diesem Raum auch nicht haben dürfte.
Niemand widersprach.
"Wie hast du die Bindung getrennt?", fragte Mit'gai.
"Ich habe eine Erinnerungsmeditation durchgeführt."
"Interessant."
Warum mussten Heiler immer so vertieft auf ihre Ergebnisse starren, ohne jemandem zu sagen, was sie gerade überlegten? T'than formte eine ungeduldige Geste, die Mit'gai allerdings auch nur beiseite wischte.
Die übrigen Synodenmitglieder waren ebenso ungeduldig, aber sie konnten den Heiler auch nicht dazu bewegen, etwas zu sagen.
Es dauerte.
Schließlich legte Mit'gai den Handscanner beiseite, straffte sich und sagte: "Herzlichen Glückwunsch, T'than, du bist im Ka'atham. Deiner letzten medizinischen Untersuchung zufolge hattest du nur mehr weniger als ein Drittel der dafür nötigen Energie. Du hast nun mehr."
"Von den Hybriden!", platzte Ri'or dazwischen.
"Ich konnte keinerlei Spuren eines Energieeintrags durch Hybriden feststellen." Mit'gai wandte sich um und kehrte an seinen Platz zurück. "Deshalb hat die Untersuchung so lange gedauert. Ich wollte abwarten, ob ich eine Energieveränderung innerhalb der Messgenauigkeit des Scanners feststellen kann."
"Konntest du?", fragte Qo'on.
"Das konnte ich. T'than hat während dieser Synodensitzung Energie dazugewonnen. Sie kam weder vom Schiff noch von einem von uns, sondern er hat sie aus der Umgebung aufgenommen. Das sollte unmöglich sein."
"Erstaunlich", sagte T'than. Diese Entwicklung legte nahe, dass es auch für das Ziel der Überzeugung der Synode eine gute Entscheidung gewesen war, auf Jaridia dem Kind zu helfen und dafür die Bindung zu Umrathma zu trennen.
"Ich stelle eine temporäre Trennung einzelner Taelons von Umrathma zum Zwecke des Energieaufbaus zur Abstimmung", ergriff erstmals in dieser Sitzung La'sil das Wort.
"Ich gehe noch weiter", sagte Mit'gai. "Ich schlage vor, Umrathma selbst deutlich abzuschwächen. Eine Trennung ist für den einzelnen Taelon stets mit einigem Aufwand verbunden, das ist zu vermeiden."
T'than straffte sich. "Ich habe noch weitere Informationen", unterbrach er den Vorschlagseifer. Qo'on sah ihn auffordernd an. "Ich habe mit einem Jaridian einen Frieden ausgehandelt", sagte T'than, "und vorhin, unmittelbar nach meiner Ankunft auf dem Mutterschiff, veranlasst, dass alle Truppen sich zurückziehen."
"Und als nächstes werden die Jaridians uns überrennen ...", prophezeite J'dan.
"Die Verteidigungsstellungen werden weiterhin gehalten", sagte T'than kühl. "Halte mich nicht für leichtsinnig!"
Qo'on formte eine energische Geste. "Zur Abstimmung bitte!"
T'than war etwas verblüfft, war dann aber froh, als er das Ergebnis der Abstimmung sah. Er selbst hatte für Mit'gais Vorschlag gestimmt, der ja einer Zerstörung von Umrathma wenigstens nahe kam, aber eine Mehrheit fand sich dafür nicht, noch nicht.
Da'an war auf der Erde. Die Synode war unvollständig und es stand sechs zu sechs. Ein Vorschlag zur Zerstörung von Umrathma hätte keinesfalls eine Mehrheit gefunden, sondern vielmehr La'sils Vorschlag die Mehrheit gebracht.
Qo'on aktivierte seinen Datenstrom, um das fehlende Synodenmitglied herbeizurufen.
Während der Wartezeit auf Da'an stand Mit'gai wieder mit seinem Handscanner bei T'than, dass der Kriegsminister sich schlussendlich wie ein Subjekt auf einem Labortisch fühlte. Wenigstens war das Ende absehbar, also ließ er den Heiler Daten sammeln, vermutlich tat dieser das durchaus nicht grundlos.
Da'an trat ein und begab sich an seinen Platz, auch Mit'gai kehrte an den seinen zurück.
"Es ist zwischen zwei Vorschlägen abzustimmen", sagte Qo'on. "La'sil, Mit'gai!"
"Ich stelle eine temporäre Trennung einzelner Taelons von Umrathma zum Zwecke des Energieaufbaus zur Abstimmung", wiederholte La'sil seinen Vorschlag.
Mit'gai folgte dem Beispiel. "Ich stelle eine Abschwächung von Umrathma selbst zur Abstimmung."
"Bitte stimme ab, Da'an, ohne dich ist die Synode unentschieden."
Da'an stimmte, wie T'than erwartete, für die Abschwächung.
Mi'nel, Mitglied der Technikerkaste, stand auf. "Ich kümmere mich darum."

***

Vorjak saß da, auf einem fremden Planeten so weit von Jaridia entfernt, umgeben von Taelon-Hybriden mit einer ihm bislang völlig unbekannten Spezies. Er war wahrlich kein ängstlicher Mann, sonst wäre er nicht zum Anführer der gesamten Armee aufgestiegen, aber hier, alleine in der Fremde, fühlte er sich beileibe nicht wohl.
Aber dann sah er auf sein gesundes Kind, gerettet von einem Taelon. Gerettet vom taelonischen Kriegsminister, der plötzlich auf Frieden bestanden hatte.
Seltsame Zeiten.
Er blickte auf, er spürte ein kühles Kribbeln in seinem ganzen Körper.
"Ah, du spürst es", stellte einer der männlichen Hybriden, er hieß Liam, fest, "Umrathma wurde gerade deutlich schwächer."
"Auf die Hälfte, schätze ich", überlegte Katrina, "oder?"
Die anderen beiden männlichen Hybriden nickten, der weibliche sagte: "Ja, die Hälfte. Also hat die Synode leider vorerst nur eine Schwächung akzeptiert, nicht die Zerstörung."
"Da sind aber auch ziemliche Holzköpfe dabei", sagte Liam. "Ich meine, die sind der vollsten Überzeugung, dass sie ohne Umrathma austicken wie Ha'gel!"
Der Jaridian blinzelte. Holzköpfe? Austicken? Er sah hilfesuchend zu Rayna, auf deren Kleidung kurz wie aufgestickt eine Übersetzung von Liams gesamter Wortmeldung erschien. Menschliche Sprachen hatten sehr eigenartige Wörter und noch eigenartiger war, dass ein Hybrid diese auch benutzte.
Aber ihre menschlichen Gestalten legten nahe, dass sie ein Leben als Menschen einem Leben als Taelons vorziehen würden, sollten sie wählen müssen. Vielleicht übertrieb Liam in seiner Wortwahl bewusst, um weniger taelonisch zu wirken.
Das Portal aktivierte sich. Vorjak sprang alarmiert auf, allerdings unnötigerweise, denn es kamen nur T'than und Da'an.
"Es ist mir nicht gelungen, die Zerstörung von Umrathma zu veranlassen", sagte T'than, "wenigstens aber eine deutliche Abschwächung."
"Ich habe die Veränderung gespürt", erzählte Vorjak, "und deutlich positiv wahrgenommen. Ich fühle mich besser als jemals zuvor."
"Auch ich spüre positive Veränderungen", sagte T'than, "und ich zweifle nicht daran, dass Umrathma in baldiger Zukunft weiter abgeschwächt und schlussendlich ganz zerstört wird."
"Uhuuuhh", machte Katrina, was bei den Hybriden ein Grinsen, bei Da'an und T'than hingegen Verwirrung zur Folge hatte.
Vorjak sah zu Rayna, die ihm auch nicht helfen konnte.
Oder wollte, denn auch sie grinste.

***

Das ganze Universum hatte sich auf den Kopf gestellt! Einen Monat war es jetzt her. Seit einem Monat war William Boone jetzt Vater. Seit einem Monat war Lili Marquette auf dem Weg, in der Wildnis sich selbst zu suchen. Seit einem Monat war Melissa Park im Mutterschutz und genoss die Zeit mit ihrem Sohn. Kwai-Ling Hong und ihr Sohn waren inzwischen seit einer Woche wieder aus China zurück, wo der Sprössling den Ahnen vorgestellt worden war.
Was der Kriegsherr alles bewirkt, verändert hatte! Allerdings hatte Ha'gel sich die Zukunft sicherlich sehr, sehr anders vorgestellt. Speziell ein Friedensschluss zwischen seit Äonen verfeindeten Spezies war definitiv nicht auf seiner Agenda gestanden.
Umrathma war, wie sich herausgestellt hatte, auch für die Dämpfung von Erinnerungen benutzt worden. Mit der Schwächung waren die Erinnerungen also wieder zurückgekehrt und nicht wenige Taelons hätten sich, wenn sie Menschen gewesen wären, verwundert am Kopf gekratzt ob der Dinge, an die sie mit den falschen Erinnerungen geglaubt hatten.
Inzwischen hatte sich sogar geklärt, dass Umrathma schon bei Aktivierung auch zum Zwecke der Erinnerungsmodifikation verwendet worden war: Die Kriegstreiber unter den Taelons hatten ihre Artgenossen damit künstlich auf den Krieg eingenordet.
Mit all diesen Erkenntnissen hatten sich die, wie Liam sagte, Holzköpfe in der Synode schon nach einer Woche zur völligen Zerstörung durchringen können. Argumentativ hilfreich war natürlich gewesen, dass nach nur dieser einen Woche schon neun Taelons, darunter T'than, in Entfaltung begriffen waren, wie die taelonische Bezeichnung für eine Schwangerschaft lautete, und zwölf aus der Stasis erwacht waren.
Die jaridianische Kindersterblichkeit war unterdessen, was in der Synode allerdings nicht als Argument verwendet worden war, so weit abgestürzt, dass auf Jaridia unzählige riesige Hallen mit Kühlkästen für Neugeborene einfach leer standen. Und als Umrathma ganz zerstört worden war, sank die Kindersterblichkeit noch deutlich weiter.
Umrathma war nur einfach ein Problem für Taelons und Jaridians gleichermaßen gewesen. Jetzt war es gelöst.
Und weiter? Alles eitel Sonnenschein?
William zweifelte daran. Ja, es war Frieden, aber ohne die Bindung durch Umrathma waren die Taelons den Menschen weitaus deutlicher überlegen als zuvor. Ha'gel hatte mit all den Fähigkeiten, die die Taelons nun wieder hatten, so viel Unheil anrichten können, dass der Widerstand aufmerksam bleiben musste. Vertrauen war noch nicht angebracht. Erst musste alles aufgearbeitet werden, und daran haperte es, denn noch war die Mehrheit in der Synode dafür, alle Gräueltaten an Menschen totzuschweigen.
Noch. Laut Da'an stand es sieben zu sechs.
Da'an räusperte sich. "Commander Boone, Liam bat mich, Sie zu informieren, dass er die Nahrung zubereitet hat."
William drehte sich vom Fenster und neigte knapp den Kopf. "Wollen wir hoffen, dass er besser kocht als Katrina ..."
Der Taelon lächelte sachte. "Ich kann das nicht beurteilen. Allerdings befürchte ich, dass er dieselben geerbten Erinnerungen hat wie sie."
William setzte sich in Bewegung und nahm im Nebenraum an einem violetten Tisch Platz. Da'an kehrte unterdessen zu seiner Energiespendevorrichtung zurück und legte sich hinein.
"Kartoffelsuppe!", verkündete Liam breit grinsend. "Laut Internet kann man das gar nicht verbocken!"
William sah kurz in seinen Teller mit der brockig gebrochenen gelben Flüssigkeit. Er befürchtete, dass Liam das Unmögliche geschafft hatte.
Er wollte nach Hause. Er wollte die Kinder mitnehmen, ja, aber er wollte nach Hause, in irdische Umgebung. Ihm war nicht recht, mit wem er Kinder hatte, und er wollte nicht ständig daran erinnert werden.
Da war ihm der Gedanke an Alexandra und ihre Mutter lieber. Er hatte Alexandra nicht gekannt, aber er trauerte doch auch seit einem Monat um sie, wie auch deren Geschwister, mit denen er seine Trauer teilte.
Er hoffte, dass Lili sich bald fand und zurückkam.

***

Hausfriedensbruch, mehr nicht. Er hatte nichts mitnehmen wollen, sich nur das Artefakt näher ansehen wollen, solange es noch da war. Geöffnet hatte es sich definitiv von selbst.
Nicht dass ihm das geglaubt wurde, mit Sicherheit nicht, aber nachweisen ließ sich ihm eben auch nichts. Also ging er als freier Mann nur eine Geldstrafe ärmer aus dem Gericht, mit der festen Absicht, sich zukünftig von Alien-Artefakten fernzuhalten und nur mehr harmlose Dinge zu stehlen und sich vor allem auch nicht mehr erwischen zu lassen.
"Hey!", erklang von einem jungen Mann, der an einer Laterne lehnte. "Alles gut gelaufen?"
Kannte er ihn irgendwoher?
"Ich bin George." George schüttelte freundlich seine Hand und wies dann auf einen Asiaten, der an der nächsten Laterne lehnte. "Mein Bruder Zhang."
"Äh ... kann ich irgendetwas für Sie tun?"
George grinste. "Erstmal reden", sagte er. "Du bist nämlich unser Vater."
Und das verschlug Randy MacDonald dann die Sprache.



Frohes Tannenbaumfest!
Deine Theorie, warum die Taelons auch nach Millionen von Jahren noch Krieg führen sowie Ha'gels Einmischung, finde ich echt gelungen und sehr plausibel. Daumen hoch
Auch den offenen Schluss finde ich sehr gelungen. Friede, Freude, Eierkuchen passt ja wirklich nicht zu den Taelons.  Zwinkern

Eine tolle Geschichte, Veria. Vielen Dank! Freuen
Stimme Taoynin zu. Ich danke ebenfalls für die Geschichte!
Sehr interessant und aufschlussreich geschrieben. Daumen hoch

Die Erklärung für den äonenlangen Krieg und die physischen Verheerungen auf beiden Seiten ist dir wirklich gut gelungen, Veria. Freuen

Ich komme da irgendwie jedoch nicht umhin, gewisse Parallelen zur Menschheit und ihren Präventivsschlagwaffen zu ziehen. Unschlüssig

Wenn ich nur an die vielen künstlich geschaffenen Krankheiten denke, die in irgendwelchen Laboren liegen und die nur mal in die Umwelt zu geraten zu brauchen ... Angst

Die Büchse der Pandora ist dagegen ein Klacks. Nicken
Ich beginne zu vermuten, das die Menschen in der Büchse der Pandora sind Lächeln
Laut der Legende blieb nur ein was zurück, als Pandora die Büchse wieder zuschlug. Und was war es? Zwinkern
Die Hoffnung Lächeln
Genau. Zwinkern