Der Baum

Normale Version: 18. Türchen: Blick zum Ursprung, Teil 8
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Ron sah auf, als sich die Tür zum Lift öffnete. Zwei geschminkte Frauen in Cocktailkleidern und Highheels stöckelten hindurch, jede einen dicken Wintermantel über dem Arm. Lili trug ihre kinnlangen Haare offen, aber Melody hatte ihre rote Mähne zu einem Beehive aufgetürmt.
Ob der Taelon dafür zum Frisör gegangen war oder alleine zu solchem Turmbau fähig war?
Augur eilte herbei und nahm den beiden höflich ihre Mäntel ab. "Setzen Sie sich, meine Damen", bat er sie, "Ich habe noch übrige Weihnachtskekse für Sie aufgetrieben, und Punsch gibt es auch!"
Melody hob eine Braue. "Ihr Anruf klang allerdings nicht nach dem reinen Wunsch nach gemütlichem Beisammensein."
"Oh, doch doch, nur ist eben Ha'gel auch da."
Jetzt wanderte auch noch ihre zweite Braue nach oben. "Ha'gel? Wie kann er überlebt haben? Der Widerstand hat doch seinen Tod beobachtet!"
Augur nickte. "Ja stimmt, ganz genau. Kommen Sie, Melody. Ich habe Ihnen extra die Kokoshäufchen beiseite gelegt, dann wird sie Ihnen niemand weg essen."
Sie trat die Stufen herunter und kam näher zum Tisch, dabei wurde sie allerdings immer langsamer. Es war deutlich, dass sie jetzt nicht mehr nur Taelon war, sondern durchaus auch Mensch, denn ihre Mimik war menschlich, ebenso all die unwillkürlichen körperlichen Reaktionen. Ron sah es: Sie wurde blass und ihr Gesicht begann, vor winzigen Schweißtröpfchen etwas zu glänzen.
Eine weitere Reaktion war auch zu sehen, denn in ihren Händen glomm es blau.
Zuerst hatte Ha'gel nur auf dem Sofa sitzend bis über beide Ohren gegrinst, nun fielen seine Mundwinkel nach unten und auch er zeigte Shaqarava. "Willst du den Krieg wieder aufnehmen, Ma'el?", fragte er.
Melody ballte ihre Fäuste und schüttelte den Kopf. "Nein. Willst du es, Ha'gel?"
Das Glühen in den Händen des Kimera verblasste und verschwand dann völlig. Ha'gel stand auf und machte einen Schritt auf Melody zu, worauf sie etwas, aber keinen ganzen Schritt, zurückwich. "Wir alle haben den Krieg verloren", sagte er, "Er ist vorbei. Ich werde keinen neuen anfangen."
Sie atmete hörbar auf und lockerte ihre Hände.
"Schön", sagte Augur und klatschte zufrieden in die Hände, "Ihr habt euch begrüßt, dann können wir jetzt ja Kekse essen und Punsch trinken." Er nahm Melody am Arm und führte sie zum Sofatisch, wobei ihre ungelenken Schritte den Eindruck machten, sie wäre noch nie auf Highheels gelaufen.
Ganz anders als zuvor, als sie aus dem Lift gekommen war.
Auch das Hinsetzen brachte sie nur wenig elegant zustande, dann fasste sie sich aber und griff tapfer nach einem Kokoshäufchen.
Lili stand noch immer beim Lift und kratzte sich offenbar recht ausgiebig am Kopf. Ron stand auf und ging zu ihr. "Das ist Ha'gel?", fragte sie leise, "Melody hat ja recht! Wie konnte er überleben? Ich war dort!"
"Das Zeitportal war auch dort. Der Ha'gel, der dort gestorben ist, war deutlich älter als der, der dort zuvor war."
"Oh", machte sie und setzte sich in Bewegung. Sie ging die Stufen hinab und trat zum Sofatisch, Ron blieb neben ihr. "Ha'gel", sagte sie und streckte ihre Hand zum Gruß aus, "Lili Marquette. Aber das wissen Sie ja schon."
Ha'gel schüttelte höflich ihre Hand und nickte. "Ich kenne Sie aus Ronalds Erinnerungen."
"Worum ich wohl froh sein kann", sagte sie, "sonst hätten Sie mich vor einem Jahr erschossen."
"Vermutlich, ja." Er wies auf das Sofa. "Möchten Sie sich setzen? Augur hat sich sehr bemüht, alles schön anzurichten."
Das war eine Untertreibung! Augur hatte Geschirr wie für den Besuch eines Monarchen aufgedeckt! Aber er hatte es ja, da konnte er es auch nutzen, zumal die Nutzung ohnehin schon im nächsten Schleifendurchgang nichtig wäre und er die empfindlichen Stücke nicht einmal abwaschen müsste, wie er höchst zufrieden während des Tischdeckens erklärt hatte.
Lili ließ sich auf einen Sofasessel sinken und ihren Blick über den Tisch schweifen, dann griff sie nach einem zitronenglasierten Sternschnuppenkeks und aß ihn auf.
Melody hielt noch immer das Kokoshäufchen in der Hand, jetzt steckte sie es sich in den Mund. Danach nahm sie noch ein Kokoshäufchen und aß auch dieses.
"Also, wer mag Punsch?", fragte Augur in die Runde.
Ron hielt ihm kurzerhand seine bemalte Goldrand-Tasse hin und wartete, bis der Hacker diese randvoll gefüllt hatte. Danach füllte Augur auch noch fünf weitere Tassen, dann setzte er sich und griff nach einem Marzipan-Sandwichkeks.
Melody aß inzwischen ein drittes Kokoshäufchen und nach diesem fühlte sie sich offenbar ausreichend gestärkt. "Wie hast du überlebt, Ha'gel?", fragte sie nun.
"Eine interessante Frage von einem toten Taelon", gab der Kimera zurück.
Sie sah ihn durchdringend an. "Du siehst mich!", sagte sie fest, "Ich bin kein reiner Taelon mehr! Für die anderen Taelons bin ich tot!" Sie ballte ihre Fäuste. Es war zwar kein Glühen zu sehen, aber vermutlich war es da. "Der Widerstand hat deinen Tod beobachtet. Wie bist du entkommen?"
"Das bin ich nicht. Früher oder später muss ich wieder zurück und mich erschießen lassen."
Sie blinzelte. "Erstaunlich."
Er grinste. "Mag sein, doch du hast ohne Zeitportal dein Leben über den Tod hinaus verlängert. Das ist ebenfalls erstaunlich."
Sie neigte den Kopf.
Ava streckte ihre Tasse über den Tisch. "Augur, dürfte ich einen Nachschlag haben?"
"Aber natürlich, meine Liebe", sagte der Hacker und schenkte ihr Punsch nach.
"Danke", sagte sie knapp und nippte sogleich daran.
"Melody, Sie folgen schon seit einigen hundert Jahren nicht mehr den strengen Regeln", ergriff Ron das Wort, "Sie haben eine Achtung vor Menschen entwickelt und arbeiten jetzt sogar mit dem Widerstand zusammen."
Melody sah ihn fragend an.
"Mit einem Kimera im Widerstand sind Sie klar gekommen", ergänzte er, "Kommen Sie mit noch einem Kimera auch klar?"
"Ich ... werde mich daran gewöhnen", sagte sie, dann sah sie zu Ha'gel und fragte ihn: "Hast du dich eigentlich schon daran gewöhnt, der Urahn der Menschheit zu sein?"
Der Kimera flackerte grellweiß auf. "Was?"
"Weißt du, vor langer Zeit, als ich noch ein Taelon war und an Steinzeitmenschen experimentierte, lief mir eines Tages eine ungewöhnliche Gruppe Menschen über den Weg", erzählte sie, als wäre es ein Schwank aus ihrer Schulzeit, "Einer von ihnen war, wie sich herausstellte, Kimerahybrid. Ich habe sein Blut genommen und ihn auf allen Kontinenten in die Menschheit eingekreuzt."
Ha'gel sah zu Ron. "Entspricht das der Wahrheit?"
"Wir sind Ma'el in der Steinzeit begegnet", sagte der Implantant, "und Ma'el hat von Liam ein paar Tropfen Blut genommen. Was er weiter damit gemacht hat, kann ich streng genommen nicht bestätigen, aber es erscheint mir recht wahrscheinlich." Er zuckte mit den Schultern. "Man gewöhnt sich daran, Urahn der Menschheit zu sein. Ich spreche aus Erfahrung."
"Ich ... verstehe", sagte der Kimera, "Nun, aus evolutionärer Sicht sollte ich mit dieser Situation wohl sehr zufrieden sein."
"Mir fällt vor allem auf", warf Ava ein, "dass damit Menschen und Taelons Cousins sind, da sie beide von Kimera abstammen. Also, bis auf Eve."
"Eve?"
"Wir haben von unserer Reise in die Steinzeit ein Baby mitgebracht." Sie nippte wieder am Punsch. "Der letzte reine Mensch, sozusagen."
Ha'gel legte den Kopf schief. "Auch die Jaridians stammen von Kimera ab. Damit ist Eve tatsächlich sehr, sehr einzigartig." Er betrachtete seine bemalte Goldrand-Tasse und nahm ebenfalls einen Schluck, was bei einem Energiewesen mit Fassade recht fehl am Platz wirkte.
Ron runzelte die Stirn. War die Flüssigkeit nicht gefährlich für den Kimera, wenn er sie in seinen Körper einbrachte? Aber vermutlich hatten Kimera eine Art energetischen Magen, der damit zurechtkam.
"Nach meiner wenig soldatischen Kenntnis zerstörten die Jaridians alle Welten, die sie als von Taelons verdorben ansahen", fuhr Ha'gel fort, "Nach so langer Zeit Krieg halte ich es für zweifelhaft, dass noch nennenswert hochentwickelte Zivilisationen in der Galaxis übrig sind. Womöglich ist die Erde der letzte Ameisenhügel, den Shaqarava und Umrathma niedertrampeln ..." Er stellte seine Tasse ab. "Unter Vorbehalt. Ich war nur Zivilist, dann Flüchtling, und dann Gefangener."
"Zivilist!", wiederholte Melody verdutzt, "Ich wusste nicht, dass es das gab! Die taelonische Erinnerung erzählt von umfassender Kriegsführung von auch noch nur wenige Tage alten Kimera."
"Wo es nötig war!", spie Ha'gel ihr entgegen, "Wenn eine Welt erobert wurde, standen alle, die nicht weiter flüchten hatten können, gegen die Eroberer. Ja, auch die Kinder!" Er schlug seine Tasse auf den Tisch, dass sie zerbrach. "Und ihr habt sie exekutiert, auch die Kinder! Nur die Kriegstreiber, wie es hieß, die habt ihr eingeschlossen und für einen langsamen Tod ins Weltall geschossen!"
Augur starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die zerbrochene Tasse, sagte aber nichts. Vermutlich war ihm klar, wie unpassend eine Beschwerde über einen Schaden, der im nächsten Durchgang gar nicht mehr bestehen würde, bei diesem Thema war.
Melody sprang auf und stolperte beinahe rückwärts über den Sofasessel, Ha'gel setzte ihr mit grellweiß aufglühenden Händen nach und schoss, dass der Menschenkörper verdampfte und die taelonische Energie sich als blaue Funken verflüchtigte.
Ron ließ seinen plötzlich von kondensiertem Dampf klebrigen Haselnusskeks fallen und sprang seinerseits auf, er spürte, dass sein Skrill warnend pulsierte. "Ma'el hat Ihnen das nicht angetan!", rief er, "Keiner der Taelons, die jetzt leben, hat Ihnen das angetan!"
"Sie wissen es nicht einmal mehr!", fauchte Ha'gel zurück, "Sie haken all das unter dem Wort Krieg ab und denken nicht weiter darüber nach." Er sah zurück zur jetzt recht schockierten Runde um den Sofatisch. "Wie weit die Menschheit im Vergleich gekommen ist mit den Genfer Konventionen, und die ach so hochentwickelten Taelons haben nichts, was dem auch nur nahe kommt!"
"Seien Sie froh, dass Melody sich an ihren Tod nicht erinnern wird!", sagte Ron kühl, "Und Sie sollten ihren Tod auch nicht in den weiteren Durchgängen erwähnen. Legen wir diesen Ausbruch zu den Akten, er ist nicht geschehen. Und er wird auch nicht wieder geschehen!"
Ha'gel senkte erst seine Hände, dann seinen Blick. "Ich beuge mich Ihren Wünschen", sagte er, "und ich bitte um Verzeihung. Die Erinnerung brachte mich in Rage."
Augur stand auf und sah an sich herab, kurz tastete er über seine Weste und wirkte zunehmend unzufrieden. "Also ... ich muss duschen", tat er kund, dann stapfte er von dannen.
Ha'gel sah ihm nach und wirkte jetzt tatsächlich etwas zerknirscht. Im nächsten Augenblick allerdings verlor er seine Fassade und flackerte grellweiß auf. "Ich ... spürte gerade einen Taelon sterben", sagte er verwirrt, "aber nicht denselben wie bisher!"
Ron sah jetzt ebenfalls Augur nach, der Hacker hatte allerdings schon eine Türe hinter sich zugeschlagen und würde ihn nicht hören.
"Ich sehe, ob ich etwas herausfinde", sagte Lili und zog ihr Global aus ihrer paillettenbesetzten Handtasche. Ava setzte sich kurzerhand neben sie, denn wenn nur Lili etwas erfuhr, würde sich im nächsten Durchgang niemand mehr daran erinnern.

Da'an ließ sich langsam auf seinen Thron sinken, seine Fassade war instabil und lückenhaft, immer wieder brach das Schimmern seiner Energiebahnen hindurch. "Sha'on ist tot", sagte er, "J'dan hat die Selbstzerstörung von Qa'shava veranlasst. Ich hätte ihn daran hindern müssen."
"Es sind nur mehr wenige Minuten bis zum Reset", sagte Liam, "Es ist aber durchaus sinnvoll, zu wissen, was genau geschieht, wenn wir eben nicht eingreifen."
"Ihre pragmatische Sicht des Zeitreisenden ist mir noch fremd", gab der Taelon zu, "Ich spüre den Schmerz, wenn das Gemeinwesen ein Mitglied verliert. Noch mehr, wenn ich weiß, dass ich es hätte verhindern können."
"Das verstehe ich." Liam ging einige Schritte, bis er am Fenster stand. "Ich verspreche Ihnen, dass im letzten Durchgang weder J'dan noch Sha'on sterben werden." Er sah kurz auf seine Uhr. "80 Sekunden. Wir werden uns wiedersehen."
"Aber ich werde mich nicht daran erinnern", sagte der Taelon, "Seien Sie vorsichtig, Liam. Mit der Zeit spielt man nicht."
"Die Zeit lässt nicht mit sich spielen", gab Liam zurück, "Ich werde vorsichtig sein."

Liam fand sich im Hauptraum unter der Kirche wieder und stapfte ins Gästezimmer, was noch der letzte Gedanke von vor dem Beginn der Schleife war. Zum vierten Mal nun konnte er nicht einmal verhindern, dass er die Tür hinter sich zuschlug. Er öffnete sie aber sogleich wieder und kehrte in den Hauptraum zurück.
"Liam, wissen Sie etwas?", fragte Ronald.
"Ich spürte einen anderen Taelon sterben als zuvor", ergänzte Ha'gel.
Liam nickte. "Ja, das war Sha'on."
Ronald seufzte. "Wer ist das denn nun schon wieder? Ich dachte, es gäbe nur noch ganz wenige Taelons, und dann tauchen doch immer wieder neue auf ..."
"Sha'on leitet Qa'shava, eine Raumstation, die an jaridianisches Territorium grenzt."
Augur runzelte die Stirn. "Und das Portal gehört zu dieser Station?"
"Richtig. Und Sha'on hat J'dan nach Qa'shava gebeten, um dem Test einer neuen Waffe beizuwohnen." Liam ließ sich auf einen Sofasessel fallen. "Allerdings ist Sha'on kompromittiert, er wurde offensichtlich bedroht, als J'dan und Da'an ihn anriefen, um zu erfahren, warum sich das Portal nicht ansteuern lässt."
"Was hat er gesagt?", fragte Augur sichtlich gespannt.
"Dass es keinerlei Probleme gäbe, hat er gesagt. Ohne jegliche Gestik, er hatte definitiv Angst."
"Also wurde die Raumstation von Jaridians eingenommen", sagte er, "und die haben Sha'on umgebracht."
"Nein, das war J'dan, der die Selbstzerstörung der Station ausgelöst hat."
Ha'gel kam einen Schritt näher. "Es war lange bekannt, dass Taelons ihre Stationen sofort zerstören, wenn sie auch nur vermuten, sie könnten erobert worden sein. Ohnehin waren ihre Stationen nur oder fast nur mit entbehrlichen Implantanten bemannt."
"Ein Taelon", sagte Ava, "ist, je nach Größe der Station, tatsächlich nur sehr wenig." Sie sah zu Liam. "Was werden wir weiter tun? J'dan umleiten und daran hindern, die Selbstzerstörung auszulösen und dann abwarten, was passiert?"
Er runzelte die Stirn und sah zu Ronald und dann zu Ha'gel. "Ehrlich gesagt überlege ich eher, das Portal noch einmal zu benutzen, diesmal mit Raumanzug oder so."
Augur schnaubte lautstark. "Und die Jaridians ballern dich wieder ab. Was bringt dir das?"
"Ich kann mich länger umsehen, Augur", erklärte Liam, "und womöglich einen sicheren Ort finden, an den wir mit dem Zeitportal hin können."
"Raumanzug ... oder so?", fragte Ronald, "Wenn es Ihnen nur darum geht, im Vakuum eine Weile zu überleben, dann tut es auch Taucherzubehör. Also Trockentauchanzug und Taucherhelm, an eine Pressluftflasche angeschlossen."
Liam sah ihn an. "Kommen Sie an so etwas heran?"
"Problemlos. Kostet zwar Geld, aber in einer Zeitschleife sehe ich darin kein Problem." Der Implantant wies auf das Portal, das unauffällig hinten in der Nische stand. "Ich müsste dafür allerdings an einen Ort, an dem die Tauchergeschäfte noch nicht für den Abend geschlossen haben."
"Gut." Liam nickte und sah jetzt zu Augur. "Leite J'dan wieder um. In die Bellamy Hall meinetwegen, ich will ihn nur erst mal aus dem Weg haben."
Augur ließ die Kokosnüsse, die er seit dem Rücksprung wieder trug, fallen und widmete sich seinem Global. Ronald eilte zum Portal und gab selbst das Ziel ein, bevor er sich zwischen die sich entfalteten Streben stellte und in der Interdimension verschwand.
"Liam, haben Sie von Da'an noch etwas Wichtiges erfahren?", ergriff nun Ava das Wort.
Der Kimerahybrid seufzte und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. "Im Wesentlichen, dass die Jaridians die Erde seiner Meinung nach am Ehesten zerstören würden", sagte er, "Die Jaridians kennen drei Möglichkeiten, mit taelonisch unterworfenen Welten umzugehen: Zerstörung, Befreiung oder ihrerseits Unterwerfung."
"Warum dann ausgerechnet Zerstörung?"
"Da'an meinte, der Widerstand würde den Jaridians nichts bedeuten. Es reicht wohl, dass auf der Erde auch Menschen ohne Implantat für die Taelons arbeiten."
"Dann sind die Jaridians reichlich dämlich", konstatierte Ava, "Wenn sie so viel Erfahrung darin haben, die Taelons zu bekämpfen, dann sollte ihnen doch klar sein, dass Taelons jeden anlügen, der nicht bei drei auf dem Baum ist!"
"Mag sein", brachte sich Ha'gel ein, "aber es ist auch immer sehr riskant, Getäuschte zu überzeugen zu versuchen. Auch ein Widerstand kann von, wie ihr sagt, skrupellosen Taelonschergen vorgespielt sein."
Liam seufzte wieder. "Dann kommt es wohl nicht gut an, wenn die Jaridians erfahren, dass Da'ans Beschützer den Widerstand anführt."
"Nein, mit Sicherheit nicht."
Jetzt grinste er. "Vielleicht klappt es besser, wenn sie erfahren, dass ein Kimerahybrid den Widerstand anführt!"
"Möglich", gab Ha'gel zu, "Dummerweise ist dieser Kimerahybrid gleichzeitig auch noch Da'ans Beschützer!"
"Erstmal müssen wir überhaupt mal einen Jaridian zu fassen kriegen", mischte sich Augur wieder ein, "und solange immer gleich ein Kreuzer rumballert, wird das nichts." Er steckte sein Global weg. "J'dan sitzt in der Bellamy Hall fest. Ich habe mir übrigens überlegt, den Jaridians einfach mal eine Nachricht zu schicken. Was haltet ihr davon?"
Liam nickte knapp. "Wird gerne ausprobiert. Im nächsten Durchgang, sofern sich nichts deutlich Besseres ergibt."
"Schön", sagte Augur, "Ich mache Kaffee."
Liam atmete tief durch und setzte sich kurzerhand aufs Sofa, Ava nahm ihm gegenüber Platz und auch Ha'gel suchte sich einen Sitzplatz. Ava schaute einen Moment lang wehmütig auf den Sofatisch, dann seufzte sie und lehnte sich zurück. "Habe ich etwas Wichtiges verpasst?", fragte Liam.
Ava lächelte matt. "Augur hat im letzten Durchgang Kekse und Punsch aufgetischt. Mir wäre durchaus nicht unrecht, würde er das diesmal wieder machen, aber offenbar gibt es nur Kaffee." Kurz runzelte die Stirn. "Wobei Kaffee natürlich auch nicht schlecht ist."
"Allerdings nicht. Und leer wird die Packung dank Zeitschleife ja auch nicht."
Augur arbeitete nicht sehr lange in der Küche, bald brachte er ein Tablett mit vier Goldrand-Tassen und einer randvoll mit Kaffee gefüllten Goldrand-Kanne, dagegen wirkte die Kartonpackung der Zuckerwürfel geradezu ordinär. "Zerdeppern Sie Ihre Tasse nicht wieder!", schnauzte er gleich Ha'gel an, dieser neigte nur höflich den Kopf.
Liam ließ sich seine Tasse füllen und warf zwei Zuckerwürfel dazu, dann rührte er mit einem Silberlöffel gut um, bevor er einen Schluck nahm.
Schweigend wurden die vier Tassen Kaffee genossen, danach huschte Augur in die Küche und bereitete eine weitere Kanne voll zu.
In der Nische aktivierte sich das Portal und Ronald erschien. Er trug sichtlich schwere Last in zwei großen, roten Kunststofftaschen, neben ihm stand eine Pressluftflasche. "Für diesen Schleifendurchgang", erzählte er, "weiß ein spanischer Tauchergeschäftbesitzer die Portalkennung des Widerstandshauptquartiers. Ich hoffe, das ist nicht sehr schlimm."
Liam musste lachen, dann stand er auf und eilte, dem Implantanten zu helfen. Sie packten einen Kunststoff-Tauchanzug mit Tauchstiefeln und Tauchhandschuhen aus, dazu einen Tauchhelm mit Schlauchanschluss.
"Ich habe Ihnen einen Anzug ausgesucht, der nicht am Hals, sondern am Gesicht abdichtet", erklärte Ronald, "Ist im Vakuum sicher besser für die Ohren."
"Und darüber dann noch der Helm?" Liam kratzte sich am Kopf.
"Darüber der Helm mit seiner integrierten Gesichtsmaske." Der Implantant rollte den Anzug aus und half ihm in die Hosenbeine samt Stiefeln und in die Ärmel, dann in die Handschuhe, schloss den Reißverschluss am Rücken und zog die Kapuze über Liams Haare.
Liam kam sich dabei recht merkwürdig vor, angezogen zu werden, aber tatsächlich war der Tauchanzug sehr unhandlich und tatsächlich auch recht schwer.
Ronald setzte ihm die Gesichtsmaske auf, schraubte die Luftanschlüsse in den Helm und setzte Liam dann auch diesen auf.
Nur noch die Pressluftflasche etwas öffnen und Liam konnte beste Konservenluft atmen.
"Sie müssen die Flasche nicht so weit aufdrehen, wie hier markiert ist", erklärte Ronald, "Immerhin muss die Luft nicht gegen den Wasserdruck arbeiten, ganz im Gegenteil. Drehen Sie drüben besser etwas runter."
Liam nickte nur, im Mund hatte er ja das Atemgerät.
Augur kam jetzt herbei. "Das Ziel ist eingestellt und es wird dich auch nicht zur Bellamy Hall weiterleiten wie vorhin J'dan."
Liam nickte wieder und stellte sich ins Portal, Ronald schnallte ihm die Pressluftflasche um. Und einen Moment später spürte er, wie ihn die Interdimension forttrug.
Er fand sich, wie im ersten Durchgang, im Weltall wieder. Diesmal allerdings spürte er nicht sofort die negativen Auswirkungen der Umgebung, er trug ja einen, wenn auch nicht ideal geeigneten, aber doch recht wirksamen Schutzanzug. Er konnte sich umsehen, er konnte atmen.
Umdrehen wäre noch etwas. Liam wedelte etwas mit seinen Armen, als würde er Seilspringen, und verhalf sich auf diese Art zu einer langsam rotierenden Bewegung. Es dauerte etwas, aber schließlich konnte er das Portal sehen. Es hing an einem violett marmorierten Kabel, und das Kabel hing aus einer Art Hangar einer unzweifelhaft taelonischen Raumstation.
Der Hangar wäre womöglich ein gutes Ziel für das Zeitportal. Liam sah das virtuelle Glas schimmern, der Innenbereich hatte also Atmosphäre.
Im Innenbereich kamen jetzt drei Personen in Sicht, aus Liams Perspektive liefen sie auf der Decke. Sehr taelonisch sahen sie allerdings nicht aus, sie waren stämmig, trugen dunkle Anzüge und hatten ein dunkleres Streifenmuster auf der Haut.
Eine Person wies direkt auf Liam, eine andere schien in ein Funkgerät zu sprechen.
Da Liam unterdessen weiter rotierte, hatte er wenig später, als die Station wieder in seinem Rücken war, das zweifelhafte Vergnügen, den jaridianischen Kampfkreuzer noch zu sehen, bevor dieser auf ihn schoss.

Liam fand sich im Hauptraum unter der Kirche wieder und stapfte ins Gästezimmer, was noch der letzte Gedanke von vor dem Beginn der Schleife war. Zum fünften Mal nun konnte er nicht einmal verhindern, dass er die Tür hinter sich zuschlug. Er öffnete sie aber sogleich wieder und kehrte in den Hauptraum zurück.
"Ich habe einen Ort für das Zeitportal", sagte er, "Dürfte allerdings recht gefährlich sein, es sind Jaridians in der Nähe."
"Hat dich das jemals gestört?", fragte Augur mit den beiden Kokosnüssen unter dem Arm, "Du bist doch im letzten Durchgang auch erschossen worden, oder hast du etwa schon Freunde gefunden?"
Liam seufzte. "Ich wurde erschossen. Vom Kampfkreuzer."
"Ich bleibe lieber hier", tat der Hacker kund, "Ich werde wirklich, wirklich ungern erschossen, selbst wenn es nicht von Dauer ist."
"Kein Problem." Liam trat zum Zeitportal und legte seine Hand in die Einbuchtung, die weiße Fläche im Durchgang erschien.
Ronald ging sofort hindurch, Ava knapp hinter ihm, nach einem Moment Bedenkzeit auch Ha'gel, und zuletzt Liam.
Sie fanden sich gleichzeitig, dafür hatte Liam extra gesorgt, im Hangar der Raumstation Qa'shava wieder. Draußen im Weltall war das Interdimensionsportal zu sehen, zu dem ein violett marmoriertes Kabel führte.
"Kein Alarm?", fragte Ronald leise, "Offenbar löst nur das da einen aus." Er wies hinaus ins All.
"Mit einem Zeitportal rechnet doch keiner", sagte Ava.
Liam huschte zum Eingang des Hangars und spähte hinaus auf den Korridor. Ein Jaridian stand nur wenige Meter entfernt und sah ihn gelinde gesagt verdutzt an. Bevor er dann doch zu seinem Funkgerät greifen konnte, sprang Liam auf ihn zu und hielt ihm seine grell glühenden Hände gegen den Kopf.
Das wirkte, der Jaridian griff nicht zum Funkgerät und informierte niemanden.
Verdutzt war er immer noch. "Wer bist du?"
Liam verstand ihn, das war durchaus überraschend. "Mein Name ist Liam, ich bin Kimera", sagte er.
"Kimera!" Das klang gleichzeitig ehrfürchtig und ungläubig. "Die Kimera sind ausgestorben!"
"Fast", gab Liam zu, "Nach meiner Kenntnis gibt es derzeit zwei." Er senkte seine Hände, das Glühen verblasste. "Ich möchte mit deinem Kommandanten sprechen", sagte er dann.
Der Jaridian griff langsam an sein Funkgerät. "Kommandant bitte, Wache Deck 4 Sektion 2."
"Wache Deck 4 Sektion 2, hier Kommandant", erklang schnarrend aus einem kleinen Lautsprecher, "Melde!"
"Ich habe eine Ankunft zu melden. Herinnen!", sagte die Wache, "Laut Eigenaussage Kimera."
"Kimera!", wiederholte der Kommandant, "Die Kimera sind ausgestorben!"
"Das sagte ich auch. Er sagte, es gäbe derzeit zwei."
"Also so gut wie ausgestorben. Was will er?"
"Er will mit dir sprechen."
Einen Moment lang war es still. "Ich komme hinunter", beschloss der Kommandant dann, danach knackte es nur mehr kurz.
Hinter Liam erklang ein Räuspern, er drehte sich um. Ronald reckte den Kopf in den Korridor. "Ja bitte?", fragte Liam.
"Haben Sie überhaupt irgendwann einmal beim ersten Versuch einen Plan gehabt und sind ihm womöglich sogar gefolgt?"
"Nein, wieso?"
"Ach, nur so." Mit diesen Worten trat Ronald ganz heraus auf den Korridor, knapp gefolgt von Ava und Ha'gel.
Im Laufschritt kam soeben auch noch ein weiterer Jaridian an, er blieb neben seinem Artgenossen stehen. "Wache, ich sehe vier Personen. Erkläre!"
Liam kam der Wache kurzerhand zuvor: "Ich bin Liam, das ist mein Vater Ha'gel, wir sind Kimera. Das sind mein anderer Vater Ronald Sandoval und seine Freundin Ava Wilson."
Der Kommandant starrte einen Moment Ha'gel an, dann musterte er Liam. "Du bist Hybrid!", stellte er fest.
"Das bin ich. Aber eben ein Kimerahybrid."
Jetzt beachtete der Kommandant auch Ava und Ronald, bei letzterem fand er Anlass zur Sorge und wurde sofort aktiv: Er erschoss ihn kurzerhand.
Ava hob ihre Waffe und legte sie an, Liam drückte ihren Arm wieder nach unten.
"Das war unnötig!", fauchte er den Kommandanten an.
"Implantanten sind gefährlich", gab dieser zurück, "Jene mit Skrill sind in der Lage, selbst Kimera zu töten!"
"Ich erwartete nicht, von meinem Vater getötet zu werden", sagte Liam eisig, "Ich habe auch keinen Grund dazu, ich kenne ihn schon eine ganze Weile."
Der Kommandant sah ihn durchdringend an. "Dann hättest du ihn nicht mitbringen sollen!"
Liam straffte sich und nickte. "Gut. Mache ich nächstes Mal auch nicht. Versprochen." Er stapfte von dannen und betrat den Hangar, beim Zeitportal angekommen legte er seine Hand in die Einbuchtung.
"Was tust du?", fragte Ha'gel.
"Ich verkürze die Schleife, dass sie in ein paar Sekunden endet", sagte Liam, "und ich füge den Jaridiankommandanten derweil mal hinzu." Er wandte sich um und grinste die beiden Jaridians an, die gerade den Hangar betraten und darin ein fremdes Artefakt sahen, dann lösten sie sich vor ihm in Luft auf und auch der Hangar verschwand.

Liam fand sich im Hauptraum unter der Kirche wieder und stapfte ins Gästezimmer, was noch der letzte Gedanke von vor dem Beginn der Schleife war. Zum sechsten Mal nun konnte er nicht einmal verhindern, dass er die Tür hinter sich zuschlug. Er öffnete sie aber sogleich wieder und kehrte in den Hauptraum zurück.
Ronald schüttelte sich. "Der Kommandant hat mich einfach erschossen!", ärgerte er sich.
"Implantanten sind gefährlich, erklärte er mir", sagte Liam, "Diesmal dürfen Sie uns also leider nicht begleiten."
"Außer, Sie wollen gleich noch einmal erschossen werden", warf Augur mit den beiden Kokosnüssen unter dem Arm ein, "Ich an Ihrer Stelle würde verzichten."
Ronald seufzte. "Sie haben Recht."
Liam ging zum Zeitportal und legte seine Hand in die Einbuchtung, die weiße Fläche im Durchgang erschien. Ava und Ha'gel gingen hindurch, dann auch Liam. Sie fanden sich im Hangar der Raumstation Qa'shava wieder. Draußen im Weltall war das Interdimensionsportal zu sehen, zu dem ein violett marmoriertes Kabel führte.
Liam verlängerte noch schnell die Schleife wieder, dann huschte er zum Eingang des Hangars und spähte hinaus auf den Korridor. Ein Jaridian stand nur wenige Meter entfernt und sah ihn gelinde gesagt verdutzt an. Bevor er dann doch zu seinem Funkgerät greifen konnte, sprang Liam auf ihn zu und hielt ihm seine grell glühenden Hände gegen den Kopf.
Das wirkte, der Jaridian griff nicht zum Funkgerät und informierte niemanden.
Verdutzt war er immer noch. "Wer bist du?"
Liam verstand ihn natürlich. "Mein Name ist Liam, ich bin Kimera", sagte er.
"Kimera!" Das klang gleichzeitig ehrfürchtig und ungläubig. "Die Kimera sind ausgestorben!"
"Fast", gab Liam zu, "Nach meiner Kenntnis gibt es derzeit zwei." Er senkte seine Hände, das Glühen verblasste. "Ich möchte mit deinem Kommandanten sprechen", sagte er dann.
Der Jaridian griff langsam an sein Funkgerät. "Kommandant bitte, Wache Deck 4 Sektion 2."
"Wache Deck 4 Sektion 2, hier Kommandant", erklang schnarrend aus einem kleinen Lautsprecher, "Melde!"
"Ich habe eine Ankunft zu melden. Herinnen!", sagte die Wache, "Laut Eigenaussage Kimera."
"Kimera ...", wiederholte der Kommandant langsam, "Ich komme hinunter." Danach knackte es nur mehr kurz.
Hinter Liam erklang ein Räuspern, er drehte sich um und sah Ava und Ha'gel aus dem Hangar auf den Korridor treten.
Soeben kam auch noch ein weiterer Jaridian angesprintet, er blieb etwas außer Atem neben seinem Artgenossen stehen. "Liam!", sagte er, "Was geschieht hier? Weshalb kenne ich dich?"
Liam grinste schief. "Zeitschleife. Und wie versprochen habe ich meinen anderen Vater diesmal nicht mitgebracht. Er hat es verstanden, er wollte ja auch nicht gleich wieder erschossen werden." Er beugte sich etwas nach vorne. "Das ist immer so unangenehm, weißt du?"
Der Kommandant hatte äußerst menschenähnliche Mimik. Ihm stand der Mund offen.
"Wie heißt du?", fragte Liam nun, "Du kennst uns ja bereits."
"Vorjak", sagte der Kommandant, er sammelte sich sichtlich, dann fragte er: "Weshalb bist du hier? Aus welcher Zeit kommst du?"
"Ich komme nicht aus einer anderen Zeit, sofern man die Zeitschleife selbst nicht zählt", sagte Liam, "aber ich komme von einer von Taelons beherrschten Welt und alles, was der taelonischen Herrschaft schadet, interessiert mich. Eine von Jaridians eingenommene Grenzstation gehört da natürlich dazu."
"Woher weißt du es? Selbst der hier stationierte Taelon meldete es nicht und plante keinen Kontakt zum Mutterschiff in den nächsten Wochen!"
"Er hat J'dan hergebeten", sagte Liam, "Ich ... weiß allerdings nicht, wie lange das her ist."
"Folge mir!", bestimmte Vorjak und stapfte voraus. Liam und Ha'gel setzten sich sofort in Bewegung, Ava einen Moment später ebenfalls. "Der Taelon hatte laut Kommunikationslogbuch zuletzt neun Stunden vor unserem Angriff Kontakt zum Mutterschiff."
"Und wann war euer Angriff?", fragte nun Ha'gel.
"Vor etwa einer halben Stunde. Wir haben noch nicht einmal damit begonnen, die Implantanten zu exekutieren."
Liam blieb so abrupt stehen, dass Ava und Ha'gel gegen ihn stießen. "Sei dir bewusst, dass die Implantate durchaus zu überwinden sind!", sagte er fest, "Sowohl die einfachen am Hals, als auch die im Gehirn."
"Und wenn nur einer die Treue zu seinen Herrschern behält, ..."
"Dann werden wir das wissen", ergänzte Liam, "Immerhin stecken wir in einer Zeitschleife."
Vorjak drehte sich um und starrte ihn nieder. "Die du kontrollierst! Mein Vertrauen in dich ist gering, Kimerahybrid!"
"Damit kann ich leben." Liam erwiderte seinen Blick. "Gehen wir weiter?"
Der Jaridian wandte sich um und stapfte wieder voran. Vom Korridor zweigte nun eine Rampe ab, der sie folgten, wenig später erreichten sie einen Zellenbereich. Die meisten Zellen waren mit Menschen und fünftentakeligen Wesen mit drei Augen vollgestopft wie die Dosen mit Ölsardinen, in einer Zelle stand hingegen ganz alleine ein Taelon, den Liam als Sha'on erkannte.
"Major Kincaid?", fragte eine Frau unter den menschlichen Gefangenen verflüfft.
Liam musterte sie und suchte tief in seinem Hinterkopf, aber er erkannte sie nicht, auch ihr Rangabzeichen half nicht weiter. "Corporal ...?"
"Meyers", half Ava aus, "Angelita Meyers. Wurde letzte Woche versetzt."
"Übersetze mir!", verlangte Vorjak von Liam.
"Corporal Angelita Meyers wurde letzte Woche versetzt", sagte der Kimerahybrid, "Zuvor war sie auf dem Mutterschiff stationiert."
"Ihr wird nicht helfen, dass du sie kennst", sagte Vorjak, dann trat er vor die Zelle des Taelons und erklärte: "Der Taelon ist unkooperativ. Wir wollten von ihm, dass er uns die Kontrolle über das Interdimensionsportal überlässt, doch er weigert sich."
"Verständlich."
"Ihm sollte klar sein, dass sein einziger Nutzen nun darin besteht, uns seine Energie zu geben."
"Das ist ihm zweifellos klar", sagte Ha'gel, "Taelons wissen, wie wertvoll Energie ist, deshalb haben sie auch hunderttausend-, wenn nicht millionen- oder milliardenfach aus gefangenen Kimera extrahiert. Eine ausgezeichnete Exekutionsmethode nach perfekt taelonischer Art ..."
Vorjak sah ihn verärgert an. "Vergleiche uns nicht mit Taelons!"
"Wenn ihr dasselbe tut ... warum denn nicht?"
"Es ist nicht dasselbe!", fauchte der Jaridian den Kimera an, "Wir kämpfen um unser Überleben!"
"Das taten die Taelons tatsächlich auch", gab Ha'gel eisig zurück, "Du weißt doch, dass sie keine Grundenergie mehr herstellen können. Bereits in dieser Zeit war die einzige Quelle für von Taelons nutzbare Energie ein Taelon oder eben ein Kimera!"
Vorjak machte den Eindruck eines Druckkochtopfes kurz vor der Explosion. "Vergleiche uns nicht ..."
"Ihr seid euch sehr viel ähnlicher, als ihr glaubt!", fauchte der Kimera ihn an, wobei er kurz seiner Fassade verlustig ging und den Zellenbereich grellweiß ausleuchtete.
"Kommen wir zurück zu weniger umstrittenen Dingen", brachte sich Liam nun wieder ein, "Ich glaube, wir sind uns einig, dass die Taelons rücksichtslos durch die Galaxis mähen und Leid und Tod und Aussterben verursachen, wo sie auch sind."
"Ja, das können wir." Vorjak beruhigte sich etwas, aber er knirschte dennoch mit den Zähnen.
"Ja, ich stimme zu", sagte Ha'gel.
"Denken wir doch in etwas größeren Maßstäben", schlug Liam vor, "Diese Raumstation ist nur ein kleines Geplänkel am Wegesrand, wenn man ein Zeitportal hat!"
Vorjak ballte die Hände zu Fäusten. "Was schlägst du also vor?"
Der Hybrid beugte sich zu ihm. "Lass beide Taelons leben."
"Beide?"
Liam grinste nur, einen Moment später machte Vorjaks Funkgerät auf sich aufmerksam.
"Kommandant bitte, Wache Kontrollraum."
Der Jaridian drückte die Sprechtaste. "Wache Kontrollraum, hier Kommandant. Melde!"
"Das Interdimensionsportal wurde aktiviert. Ich habe die Wachen auf Deck 4 nachsehen geschickt. Es ist ein Taelon angekommen."
Vorjak sah überrascht zu Liam, dann straffte er sich und drückte wieder die Sprechtaste. "Er soll eingefangen werden!", befahl er, "Lass ihn zum anderen Taelon sperren."
"Verstanden, Kommandant."
Liam nickte zufrieden. "Und dann sehen wir, was wir mit dem Portal machen können. Wenn es nicht auf rein taelonische Energie eingeschränkt ist, sollte sich eine Sperre durchaus umgehen lassen."
"Was dann?", fragte Vorjak mit zusammengebissenen Zähnen.
"Dann kannst du das im nächsten Durchgang auch ohne mich machen."
"Wozu? Um eine Invasion zu starten, die nur Stunden später wieder rückgängig gemacht wird? Was willst du, Liam?"
Der Kimerahybrid sah ihn bis über beide Ohren grinsend an. "Ich will, dass du dir meinen Heimatplaneten ansiehst! Ich will, dass du die heimische dominante Spezies als potenzielle Verbündete erkennst! Und dann können wir gemeinsam gegen die Taelons kämpfen, sofern sich nicht noch eine etwas friedlichere Option auftut."
"Friedlicher!", spie Vorjak aus, "Im Krieg gegen Taelons? Erinnerst du dich nicht, was sie den Kimera angetan haben?"
"Schmerzhaft deutlich!", sagte Liam, "Aber ich habe dennoch Grund zur Hoffnung, dass es sich jetzt besser entwickeln kann. Du wirst es sehen, wenn du mich es dir zeigen lässt!"
Sha'on kam bis ganz an das virtuelle Glas seiner Zelle. "Er wird es nicht!", sagte er eisig, "Und welche Hoffnung auch immer du zu haben glaubst, Kimera, meine Artgenossen werden dich vernichten."
"Sollen sie es versuchen", gab Liam vergnügt zurück, "Ich lebe glücklicherweise in einer Zeitschleife!"
Der Taelon flackerte grellblau auf, dann zog er sich entrüstet wieder in den hinteren Bereich seiner Zelle zurück.
Kurz später wurde von zwei Jaridians ein zweiter Taelon in den Zellenbereich geführt, oder vielmehr geschleift. Als die beiden ihn losließen, kam J'dan auf dem Boden zu liegen und musste sich aus seiner wenig würdevollen Position wieder hochstemmen.
"Major Kincaid!", brachte er dann verdutzt heraus.
"Erster Minister J'dan", sagte Liam betont höflich, und vor allem auf Eunoia.
Der Taelon schnappte nach Luft. Er konnte nicht wirklich nach Luft schnappen, er brauchte ja keine Luft, aber es sah so aus und hörte sich auch so an. Warum hatten Taelons manchmal so unglaublich menschliche Reaktionen?
"Ich habe Vorjak vorgeschlagen, dich nicht zu töten und einen anderen Weg zu finden", sagte Liam, "Ich weiß noch nicht, ob er damit wirklich einverstanden ist, aber immerhin hat er dich nicht draußen im Weltall von seinem Kreuzer abschießen lassen."
Vorjak knirschte noch einmal für einige Momente mit den Zähnen, dann nickte er langsam. "Ich bin einverstanden. Liam, zeige mir, wie das Portal funktioniert!"

Ava fühlte sich etwas wie das fünfte Rad am Wagen. Sie verstand so gut wie nichts von dem, was gesprochen wurde, ihr einziger Nutzen bisher war der Name der gefangenen Freiwilligen Angelita Meyers gewesen.
Andererseits hatte sie ohne die Ablenkung durch die Bedeutung der Worte eine großartige Gelegenheit, sich mit jaridianischer Mimik zu beschäftigen.
Dieser Jaridian zumindest schien reizbar, ärgerlich und voll mit unter Kontrolle gehaltener Wut. Im Grunde erinnerte er Ava damit an Ha'gel, wie dieser im vorletzten Durchgang gewesen war, als er ohne Vorwarnung Melody erschossen hatte.
Unterschätzen sollte man Vorjak, sofern Ava das richtige Wort als seinen Namen interpretiert hatte, daher keinesfalls. Er war gefährlich, und das nicht nur für Implantanten wie Ron.
Als J'dan zu Sha'on in die Zelle verbracht worden war, ging Vorjak wieder voraus, Liam und Ha'gel hinterher, und ganz zuletzt Ava, die sich fragte, wohin es ging und warum.
Sie gingen, das war schnell ersichtlich, den Weg zurück zum Hangar. Sie bogen nirgendwo ab und kamen nach kurzer Zeit auch direkt im Hangar an.
Vorjak betrachtete einige Sekunden lang das Zeitportal, dann ging er dort hin, wo das violett marmorierte Kabel vom Hangar ins Weltall hing. Und er zog daran. Im Vakuum gab es keinen Widerstand dagegen, das Interdimensionsportal kam daher gemächlich herangeschwebt und ließ sich dann von den vieren, auch Ava half dabei, in den Hangar bugsieren.
Liam ließ seine Finger über das Bedienfeld fliegen, dann zückte er sein Global und tippte darauf herum. Er zeigte auf den kleinen Bildschirm, dann auf die Anzeige des Portalbedienfeldes, und er erklärte Vorjak etwas.
Ava hatte den Verdacht, dass es sich um einen Kurs zur Verwendung handelte.
Danach zeigte Liam dem Jaridian noch etwas auf seinem Global, was für Ava sehr deutlich nach der Portalkennung des Widerstandshauptquartiers aussah.
Vorjak war also für den nächsten Durchgang eingeladen. Ava war gespannt, wie sich das entwickeln würde.
Bald würde sie es erfahren. Liam stapfte soeben zum Zeitportal und legte seine Hand in die Einbuchtung. Dann löste er sich vor Ava in Luft auf, der Hangar und alles andere darin ebenfalls.

Ron fand sich im Hauptraum unter der Kirche wieder, er sah gerade noch, wie Liam im Gästezimmer verschwand und die Tür hinter sich zuschlug.
Ha'gel, der hinter ihm aus dem Portal stieg, bildete sogleich seine Fassade, während er kurz abwartete, bis Liam aus dem Gästezimmer wieder heraus kam. "Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob die Idee so gut ist, Vorjak mit in der Schleife zu haben", sagte er, "andererseits ist es natürlich leicht, ihn einfach wieder herauszunehmen."
"Ich hoffe ja, er freundet sich mit der Menschheit und ihrer fortgesetzten Existenz etwas an", sagte Liam, "Und wer weiß, vielleicht kriegen wir ihn sogar dazu, mit Melody oder Da'an zu reden."
Ava runzelte die Stirn. "Er wirkte auf mich reizbar und gefährlich", sagte sie.
"Ja, das stimmt schon." Liam nickte ausgiebig. "Aber wenn er uns alle erschießen will, dann hat er uns eben erschossen. Ist ja nicht von Dauer."
"Schon", gab Ron zu, "nur leider immer so unangenehm."
"Sie meinen, jetzt kommt ein Jaridian hier her?", fragte Augur, mit zwei Kokosnüssen unter dem Arm, entsetzt, "Ich suche mir besser einen anderen Aufenthaltsort ..."
"Tu das, Augur", sagte Liam grinsend, "Ruf aber vorher noch schnell Melody und Lili hier her, bitte."
Der Hacker ließ kurzerhand die Kokosnüsse fallen und zückte sein Global. "Fein, wenn du das nicht selbst kannst", grummelte er, dann setzte er sein freundlichstes Gesicht auf und strahlte in sein Global. "Teuerste Melody, würden Sie uns bitte Gesellschaft leisten?"
"Sind Sie etwa eifersüchtig auf den heutigen Damenabend?"
"Nein, Sie dürfen mit Lili so viele Cocktails trinken, wie Sie wollen, nur eben hier. Wir erhalten Herrenbesuch! Einer ist übrigens schon da." Er drehte sein Global etwas zu Ha'gel.
Es klackerte und schepperte aus dem Global, auf dem Gesicht des Kimera fand sich auch diesmal ein Grinsen bis zu den Ohren ein.
Ava grinste ebenfalls und sagte: "Global runtergefallen?"
Augur nickte knapp und wisperte: "Ja, ihr ist das Global runtergefallen."
Jetzt war Rascheln zu hören, dann ein kurzes Klappern, dann erklang Lilis Stimme: "Wir sind unterwegs!"
Augur schob sein Global zu und steckte es weg. "So, ich gehe dann mal." Mit diesen Worten griff er nach seinem Mantel und begab sich in den Lift.
Ron stapfte Richtung Küche. "Ich mache Kaffee!"
Er stellte eine Kanne unter die Filtermaschine, füllte Kaffeefilter und Wassertank, dann beobachtete er den Kaffee dabei, in die Kanne zu rinnen. Ava kam in die Küche, holte Tassen, Löffel und die Schachtel Zuckerwürfel, dann ging sie wieder. Ron wartete auf den Kaffee.
Das braune Rinnsal wirkte fast hypnotisch, aber irgendwann ging es in Tröpfeln über und versiegte dann ganz. Ron griff nach der Kanne und trug sie in den Hauptraum.
Als sich die Tür zum Lift öffnete, waren drei Tassen Kaffee dann schon wieder leer.
Zwei geschminkte Frauen in Cocktailkleidern und Highheels stöckelten herein, jede einen dicken Wintermantel über dem Arm. Lili trug ihre kinnlangen Haare offen, aber Melody hatte ihre rote Mähne zu einem Beehive aufgetürmt.
Ron übernahm es diesmal, den beiden ihre Mäntel abzunehmen. "Melody, Lili, ich darf vorstellen: Ha'gel!" Er wies auf den Kimera.
Melodys Augenbrauen wanderten nach oben. "Ha'gel? Wie kann er überlebt haben? Der Widerstand hat doch seinen Tod beobachtet!"
Liam zuckte mit den Schultern. "Ja, aber das Zeitportal hat der Widerstand halt nicht gesehen."
Sie trat die Stufen herunter und kam näher, dabei wurde sie allerdings immer langsamer. Es war deutlich, dass sie jetzt nicht mehr nur Taelon war, sondern durchaus auch Mensch, denn ihre Mimik war menschlich, ebenso all die unwillkürlichen körperlichen Reaktionen. Ron sah es: Sie wurde blass und ihr Gesicht begann, vor winzigen Schweißtröpfchen etwas zu glänzen.
Eine weitere Reaktion war auch zu sehen, denn in ihren Händen glomm es blau.
Ha'gel blieb diesmal ruhig, kein Shaqarava war in seinen Händen zu sehen. "Willst du den Krieg wieder aufnehmen, Ma'el?", fragte er.
Melody ballte ihre Fäuste und schüttelte den Kopf. "Nein. Willst du es, Ha'gel?"
Ha'gel machte einen Schritt auf Melody zu, worauf sie etwas, aber keinen ganzen Schritt, zurückwich. "Wir alle haben den Krieg verloren", sagte er, "Er ist vorbei. Ich werde keinen neuen anfangen."
Sie atmete hörbar auf und lockerte ihre Hände.
Liam lächelte zufrieden. Er konnte nicht wissen, was beim letzten Treffen der beiden passiert war. Vielleicht würde er es nie erfahren.
In diesem Moment aktivierte sich das Interdimensionsportal und Vorjak erschien darin.
Oh oh das kann ja heiter werden. Um das Gefahrenpotential noch zu erhöhen kann man nicht mehr wirklich viel tun.


Ah! Jetzt weis ich erst warum es mir so seltsam erscheint! Vorjak und Lili sind noch nicht zusammen Lächeln
Tatsächlich wären wir bei unveränderter Serien-Chronologie zeitlich jetzt in etwa da, wo Ronny Lili nach Jaridia schickt. Zwinkern
Beehive musste ich erst mal googlen. Die Frisur kenne ich, aber dass es dafür einen Namen gibt... Schockiert 

Eine spannende Fortsetzung. Mit Vorjak hatte ich nicht gerechnet. Jetzt haben wir also einen reizbaren Kimera, einen ebenso reizbaren Jaridian und den Ex-Taelon Ma'el, der hoffentlich vernünftig bleibt. Zwinkern 

Freue mich schon auf den nächsten Teil. Freuen