Der Baum

Normale Version: 22. Türchen - Träume X
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Viel Spass beim Lesen und schönes, hoffentlich total unstressiges, Wochenende!



Liam stand in der Küche neben seinem Moped und rührte eine violette Masse in einer Rührschüssel. "Du musst es ganz glatt rühren, damit keine Klümpchen drin sind", sagte seine Mutter, "sonst wird der Kuchen nicht gut." Das wollte Liam natürlich nicht, also rührte er eifrig.
Sein Vater sah zur Küchentüre herein und fragte: "Was wird das denn?"
"Grundenergiekuchen", sagte Liams Mutter.
Liam nickte eifrig. "Genau! Mit selbstgemachter Grundenergie!"
"Ja, nicht mit dem überlagerten Zeug von den Taelons, das taugt nichts."
"Ach so", sagte Liams Vater, dann war er weg.
Liam rührte langsamer, nachdenklich. "Mama, ich hab das Rezept nicht ganz kapiert", sagte er dann. Irgendwie erinnerte er sich nicht recht daran, wie er die Grundenergie gemacht hatte.
"Ach, das ist ..."
Die Küche verschwamm, Liam spürte ein Kissen unter seinem Gesicht.
Nein! Er wollte es aber wissen! Er stampfte wütend auf den Küchenboden und warf die Rührschüssel hinunter. "Sag mir, wie das Rezept geht, Mama!", verlangte er.
Seine Mutter, ein Taelon mit roten Haaren, sagte: "Es ist wirklich ganz einfach. Schau mal ..."
Nein, er weigerte sich jetzt einfach, aufzuwachen.
Seine Mutter zeigte ihm eine Seite im Kochbuch mit merkwürdigen Diagrammen und komischen Symbolen, und dann verschwamm der Traum endgültig und Liam seufzte sein Kissen an.
So hatte er das nicht erhofft. Ganz einfach sei es, das hatten doch sowohl seine Mutter als auch die Maus behauptet, und jetzt war das Kochbuch mit fortgeschrittener Physik gefüllt gewesen, an die er sich noch dazu nicht einmal besonders genau erinnern konnte.
Langsam hatte er aber das starke Gefühl, dass an diesen Träumen etwas mehr dran war als an normalen Träumen. Bisher jedenfalls hatte er selten zusammenhängend geträumt oder Träume in anderen Träumen fortgesetzt, und dass es immer wieder um Grundenergie gegangen war ...
Liam schwang sich aus dem Bett und zog die bereitliegende Kleidung an, nebenan im Kinderzimmer fand er Shi'iau in tiefer Meditation und ohne Fassade vor. "Bist du ausgeruht?", fragte er.
Der kleine Taelon bildete eine Fassade und öffnete die Augen. "Ich bin ungeübt", sagte er, "Ein erwachsener Taelon hätte mich anleiten können, alleine war ich weit weniger erfolgreich. Ich bin nicht mehr erschöpft, aber richtig ausgeruht bin ich leider nicht."
"Du wirst es lernen", sagte Liam. Er setzte sich auf das unbenutzte Kinderbett. "Komm, dann gebe ich dir Energie."
Das Taelonkind stand auf und hopste zum Bett, dann kletterte es hinauf und kuschelte sich an Liam, der ihm die glühenden Handflächen auf den Rücken legte.
Als Baby hatte Shi'iau zwar viel Energie gebraucht, aber nur sehr wenig auf einmal verkraftet, inzwischen war das anders. Das Kind Shi'iau erhielt von Liam eine reichhaltige Menge, sein Körper war dann einige Stunden damit beschäftigt, diese Energie in geordnete Bahnen zu lenken, sie gewissermaßen zu verdauen.
Diese Stunden verbrachte Shi'iau auch an diesem Tag wieder mit Puzzles, Büchern und, neu, Musik. Immer wieder fand Liam das Kind vor, wie es mit einwandfreier Aussprache einen ihm unverständlichen Text mitsang.
Im Gemeinwesen hatte sich nichts verändert, Zo'or war nach wie vor Teil davon. Liam selbst wäre sich nicht sicher gewesen, ob er es nur einfach nicht spürte, doch Shi'iau versicherte ihm, dass der Verlust einer Gemeinwesenverbindung äußerst klar und unmissverständlich wahrnehmbar war und schlicht nicht übersehen werden konnte. Da sollte selbst Liams nicht gerade deutliche Wahrnehmung des Gemeinwesens genügen.
Dass ein Beschluss der Synode schlicht nicht umgesetzt wurde, war ungewöhnlich genug. Liam rief Da'an an, um danach zu fragen.
Die Antwort klärte ein weiteres Mal, dass Zo'or eben Zo'or war. "Er hat einen, wie es bei Menschen heißt, Totmannschalter konstruiert. Zo'ors Anwesenheit auf dem Mutterschiff als Taelon ist notwendig, um das Mutterschiff von einer Selbstzerstörung abzuhalten." Da'an formte eine energische Geste. "Möglicherweise hat es Zo'or nicht bedacht, doch seine Anwesenheit in einer Arrestzelle genügt völlig. Er wird dort den Rest seines Lebens verbringen."
"Wenn er dem Mutterschiff einen Mechanismus eingegeben hat, kann es weitere geben", gab Liam zu bedenken.
"Danach wird gesucht", sagte Da'an, "Kümmern Sie sich nicht weiter darum. Sie sind allein für das Kind und für sich selbst verantwortlich, nicht für Zo'ors Taten." Er legte den Kopf schief. "Ich hoffe, Sie empfinden mein Interesse nicht als unangebracht, Major. Wie geht es dem Kind? Wessen Kind ist es und welchen Namen trägt es?"
"Unangebracht? Nein, keineswegs, nicht von Ihnen." Liam atmete tief durch. "Sollte aber nicht inzwischen bekannt sein, wessen Kind es ist?"
Der Taelon schüttelte sachte den Kopf. "Vielleicht hat das Kind, wie Sie gegenüber Zo'or andeuteten, tote Eltern, zumindest aber welche, die in Stasis sind. Kein lebender und wacher Taelon konnte also sagen, dass es sein Kind ist, und die Heilerkaste beruft sich auf Verschwiegenheit."
"Shi'iaus Eltern sind tot", bestätigte Liam, "Ne'eg und Rho'ha."
"Shi'iau. Geht es ihm gut?"
"Es geht ihm gut." Er runzelte die Stirn. "Er hat etwas Probleme bei der Meditation. Würden Sie es ihn lehren?"
Der Taelon flackerte grellblau auf und lächelte geradezu selig, als er dies bejahte.
aaaawww Da'an muss total gerührt sein
Zuerst dacht ichL: Moped? Wieso Moped?  Dann fiel der Groschen, dass Liam wiedermal träumt. Dass mit dem Grundenergie-Rezept ist ja wirklich nervend - also für Liam. Mich würde es auf jeden Fall nerven, wenn ich immer kurz vorher aufwachen würde. Tja, und jetzt hat er das Rezept endlich gesehen und ist trotzdem nicht viel schlauer. Armer Liam.Lachen

Typisch Zo'or, dass er entsprechend vorgesorgt hat, um einer möglichen Hinrichtung aus dem Weg zu gehen. Ist allerdings aber auch raffiniert, muss ich ja zugeben. Zwinkern

Da'an darf sich um Shi'iau kümmern. Ich glaube, eine größere Freude könnte man ihm nicht machen. Freuen