19. Türchen: Der Blick zum Horizont XVI
"Agent Sandoval!", grüsste der Nachtwächter geschreckt, "Die Leute sind alle schon zuhause, nur die Putzkolonne ist da. Ist es sehr dringend?"
"Nein, wir kommen nur so zum Spass mitten in der Nacht hier her", gab Liam zurück.
"Wir brauchen niemanden, wir finden uns selbst zurecht", ergänzte Sandoval kühl, tauchte unter der Schranke durch und sah den Nachtwächter von der Türe aus sehr auffordernd an. Der Riegel klickte kurz, dann betraten Agent und Major das Gebäude.
Sie hielten sich nicht mit der Suche im Bürotrakt auf, sondern begaben sich gleich in den Nordflügel und in den dritten Stock. Den Mangel an schrubbender Aktivität auf dem Weg kannten sie bereits, ebenso die gefährlichere Aktivität vor dem Raum 21.
Liam warf sich zu Boden, eine Kugel zwitscherte über ihn hinweg und blieb in einer Brandschutztüre hinter ihm stecken, Sandoval schoss seinen Skrill ab und der Schütze vom Institutswachdienst sackte getroffen zusammen. Die beiden weiteren Mitglieder des Institutswachdienstes lieferten diesmal gleich zwei blutige Nasenabdrücke an der Wand und einige Momente später lagen noch zwei Wachleute bewusstlos am Boden.
Dann betrat Kincaid Raum 21, packte sofort Doors am Kragen und entwand ihm die Waffe, Sandoval eilte weiter in den Nebenraum und wich gerade noch einer Kugel aus Renee Palmers Waffe aus, dann schoss er selbst und fing die Bewusstlose freundlicherweise auch auf.
"Kincaid?"
"Ich lebe noch", kam zurück, "und Sie?"
"Ebenfalls", sagte Sandoval, legte Renee auf dem Sofa ab und nahm ihre Waffe an sich, dann kehrte er in Raum 21 zurück, wo Rose Maulaffen feilbot und Doors mit den Zähnen knirschte.
Kincaid drückte dem Agent seine erbeutete Waffensammlung in die Hände: "Hier, entsorgen Sie die bitte."
"Sie also, Kincaid!", fauchte Doors, "Ich habe Ihnen nie getraut und jetzt habe ich den Beweis, dass Sie den Widerstand infiltriert haben!"
"Und Sie würden mich liebend gerne erschiessen, ja, das ist mir klar." Damit scheuchte der Major seinen Gefangenen in den Nebenraum, wo er ihn wie angekündigt mittels zweier Paar Handschellen auf einem Klappstuhl befestigte.
Sandoval unterdessen reihte die Waffen an der Wand auf und machte sie eine nach der anderen per Skrill unbrauchbar, bevor er die Wachleute ebenfalls mit Handschellen bedachte und sie zu einem Kreis durch das Zeitportal hindurch fesselte.
"Ähh ...", fand Rose ihre Sprache zurück und setzte an, Richtung Korridor zu schleichen, doch ein böser Blick des Implantanten stoppte dieses Vorhaben sofort.
"So", sagte Kincaid, "Übersetzen wir ein paar Alientexte. Wo waren wir?"
"Halbseite 78, fünfter Block." Sandoval griff nach Roses Handgelenk und zog sie mit in den Nebenraum, wo sie sich ohne Widerrede setzte, dann fegte er das meiste Papier vom Tisch und holte einen anderen Stapel aus einem gesamt recht druckfrischen Regal. "Hier, bitte, Major", reichte er Kincaid die obersten zwei Blätter.
"Danke, Agent."
"Kincaid!", knurrte Doors.
"Wir hängen in einer Zeitschleife, Sie haben uns mal erschossen, darauf hatten wir nicht nochmal Lust, Zo'or wird in nicht einmal 18 Stunden hier auftauchen und alles aufmischen, bis dahin möchten wir möglichst was über das Zeitportal herausgefunden haben, also bitte nicht über Gebühr stören, danke."
Der Multimilliardär fügte sich und störte nicht zu sehr, Rose störte ebenfalls nicht, die Wachmänner nur akustisch, als sie nebenan aus der Bewusstlosigkeit erwachten. Renee hingegen versuchte, grösseren Ärger zu machen, obwohl Kincaid auch sie gefesselt hatte, und wenig später sass sie wie Doors gezwungenermassen auf einem Klappstuhl.
"Ähm ...", sagte Rose schliesslich, "Ich meine ..." Sie sah unsicher zu Doors und Renee. "Major Kincaid, was haben Sie mit uns vor?"
"Nichts. In 17 Stunden beginnt die Schleife von vorne und Sie wissen das alles nicht mehr."
"Und was machen Sie dann?"
"Wieder herkommen, alle fesseln und weiterübersetzen, vermute ich", zuckte Liam mit den Schultern, "Erklärungen brauchen einfach zu lange und funktionieren bei Doors leider nicht."
"Versuchen Sie es bei mir", bat sie, "Ich halte Sie nicht für einen üblen Kerl, aber warum Sie Sandoval mitbringen verstehe ich auch nicht."
Kincaid zog eine Grimasse. "Weil ich ihm traue und weiss, dass er gegen die Taelons ist", sagte er, "und das kann ich erklären, so viel ich will, das verstehen Sie dann doch nicht."
"Meinen Sie wirklich?" Rose klang überaus enttäuscht, wie sie das sagte.
Liam warf seinen Bleistift auf den Tisch und lehnte sich zurück. "Schön. Ich durfte ihn recht gut kennenlernen, schon bevor wir die Teilnehmer der Schleife von Zo'or und mir zu ihm und mir geändert haben. Er erinnert sich an zwei Durchgänge, ich an zehn."
Das machte in dieser Kürze allerdings keinen besonderen Eindruck, was Kincaid auch nicht störte. Er war ohnehin genug mit seinem Teil der Alientexte beschäftigt und Sandoval ging es genauso. Es war auch gut nachvollziehbar, dass der Kimera sich die Erklärung auf den letzten Durchgang aufsparte. Der Aufwand reichte einmal wirklich.
Sandoval warf eine übersetzte Seite einfach auf den Boden und blätterte auch auf seinem Notizblock um. Liam brachte zwei Tassen Kaffee und verursachte eine kleine Überschwemmung, der Agent zückte ein Taschentuch, hob die Tasse an und wischte darunter sauber. Es war fast hypnotisch, wie das Tuch den Kaffee aufsog und dann unter der Tasse wieder sauber und Platz war, dass Ronald sie abstellen konnte.
Er runzelte die Stirn und versuchte, den Gedanken zu fassen zu bekommen. Und dann hatte er ihn.
"Kincaid! Die Lösung ist ganz einfach!", platzte er schliesslich heraus.
"Was? Wie bitte?"
"Was passiert, wenn Zo'or in allem Erfolg hat?"
"Das wäre eine Katastrophe", sagte der Alien.
"Denken Sie nach, Major!", beharrte Sandoval, "Er wäre zufrieden, er würde seine Schleife beenden - aber unsere würde noch bestehen! Er würde sich nicht einmal daran erinnern, weswegen er so zufrieden war."
Liam richtete sich auf und liess seinen Stift auf den Block fallen. "Sie ... haben Recht", murmelte er, "Es ist tatsächlich so einfach, jedenfalls ... solange man es als einfach bezeichnen kann, sich bewusst erschiessen zu lassen."
"Nein ..." Ronald zog die Stirn in tiefe Runzeln, es war eine dumme Idee, alle sterben zu lassen, denn dann könnte Zo'or sich womöglich doch wieder einen Vorteil verschaffen. "Sie werden nicht erschossen!", sagte der Agent fest, "Wir brauchen ein gutes Versteck für Sie, damit Sie falls notwendig Zo'or aufhalten können, wenn er versucht, eine neue Schleife einzurichten, eine weitere Schleife in der Schleife."
Der Major hob den Blick und musterte das Lüftungsgitter. "Ich bezweifle, dass Zo'or und die Freiwilligen die Lüftung überprüfen", stellte er fest, "Also sehen wir uns einmal an, ob ich da hineinpassen würde." Er stand auf und ging in Raum 21, Sandoval folgte ihm und half ihm auf das Metallregal, dann machte er sich auf die Suche nach einem Schraubenzieher. Schliesslich war das Werkzeug gefunden und das Lüftungsgitter entfernt. "Eng, aber möglich", stellte Liam fest, "Die Frage ist dann nur, wie ich wieder herauskomme, ohne Kopf voran herunterzufallen."
"Müssen Sie es?"
Der Alien stutzte sichtlich, dann grinste er. "Sie haben Recht, Sandoval. Zo'or wird sich daran nicht erinnern können, ich kann ihn also problemlos wirksam aus der Ferne bedrohen."
"Ich wünschte", schmunzelte Sandoval, "ich könnte dann sein Gesicht sehen, aber ich werde zu dem Zeitpunkt wohl gerade tot sein."
Liam seufzte leise und sprang vom Regal. "Da wäre noch ein Problem", sagte er, "Sie akzeptieren es, dabei draufzugehen, aber die anderen wohl kaum."
"Es wird also nicht funktionieren. Um Zo'or zu täuschen muss es echt sein, also erst im nächsten Durchgang."
"Oder nur Sie erinnern sich."
"Mit welcher Begründung?"
"Mit welcher Begründung ich?", gab Kincaid zurück, "Für Zo'or ist es ein Rätsel, wie sich irgendjemand ausser ihm erinnern kann." Er grinste breit. "Versuchen wir es. Wenn es nicht klappt, haben wir ja noch ein paar Durchgänge."
Der modifizierte Plan war wirklich nicht schlecht. Sandoval hockte mit feuerbereitem Skrill und zusätzlich einer geladenen Waffe in der anderen Hand hinter dem Sofa, Kincaid lag mit reichlich Kunstblut übergossen und angemessen verbrannt riechend neben dem Kopierer, Papier war im ganzen Raum keines mehr zu finden und die Laptops waren ebenfalls entfernt. Sie warteten nicht lange, bis wie einige Durchgänge zuvor vier Freiwillige in den Raum stürmten.
"Zo'or, Sir, hier ebenso!", meldete der Corporal.
Zo'or trat ein und nickte knapp. "Das war zu erwarten." Er sah sich um. "Die Texte wurden gestohlen", stellte er fest, er trat an den Tisch und fragte Doors: "Wer war es?"
Der Multimilliardär knirschte nur mit den Zähnen, also wandte der Taelon sich Rose zu, die sich sehr klein machte und die Frage beantwortete: "Sandoval."
"Was ist mit Kincaid?"
"Sandoval ... einfach ... einfach ..." Sie schrumpfte ängstlich in ihrem Klappstuhl zusammen.
"Corporal, bringen Sie eine Antwort aus ihr heraus", befahl Zo'or, "Sergeants, schaffen Sie die Leiche fort."
Die Freiwilligen sagten im Chor: "Ja, Sir!", und machten sich an die Arbeit.
Zwei Freiwillige trugen Liam weg, ein weiterer trug Rose samt Klappstuhl durch die Türe, blieben noch ein Freiwilliger und Zo'or, der seine Gefangenen einige sehr sehr lange Momente sehr sehr zufrieden musterte.
"So, Mr. Doors", setzte der Taelon schliesslich ein überaus freundliches Lächeln auf, "Sie haben mir ja bereits vom Widerstandsforschungszentrum in Chicago erzählt ... bitte erzählen Sie mir mehr darüber. Corporal Carey wird sicher bald Zeit für Sie haben, um Sie nach Ihrem geheimnisvollen Top-Spion auszufragen, aber bis dahin werden wir uns eben einfach unterhalten, nicht wahr?" Er setzte sich Doors gegenüber auf einen Klappstuhl und sah ihn beinahe erwartungsvoll an.
Genau diesen Augenblick wählte Sandoval, um den letzten Freiwilligen zu erschiessen, worauf Zo'ors Gesichtsausdruck sich beachtlich wandelte.
"Beenden Sie die Schleife!", verlangte der Agent.
"Sie können mir nicht drohen", gab Zo'or zurück, "Ich werde die Schleife nicht beenden, und Sie können es nicht."
Ronald grinste verhalten. "Sie weigern sich also. Nun, ich habe alle nötigen Dinge für eine mentale Sondierung beschafft. Folgen Sie mir bitte, bevor Ihre Hampelmänner zurückkommen." Er packte den Taelon am Arm, schob ihn in Raum 21 und schoss bei der Gelegenheit auch gleich den Corporal bewusstlos. Rose auf ihrem Klappstuhl machte grosse Augen.
Draussen auf dem Korridor folgte Sandoval den Kunstblutspuren, und schon nach zwei Biegungen und knapp hundert Metern kamen ihm die beiden Freiwilligen entgegen. Zo'or wehrte sich jetzt plötzlich energisch, der Implantant verlor beinahe das Gleichgewicht, schaffte es aber, einen der Freiwilligen zu erschiessen.
Der andere allerdings traf.
Veria
Code:
HAI
CAN HAS STDIO?
VISIBLE "HAI WURLD!"
KTHXBYE
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