Antwort schreiben 
8. Türchen: Der Blick zum Horizont VIII
Verfasser Nachricht
Veria Offline
Admin, Wandermaus und Baumbewohner

Beiträge: 8.439
Registriert seit: Apr 2010
Beitrag: #1
8. Türchen: Der Blick zum Horizont VIII
Schönen Feiertag (so ihr Feiertag habt)!



"RÄBÄÄÄHHHH!"
Die Codes vor Liams Augen waren verschwunden, er starrte auf das Ecksofa in seinem Arbeitszimmer. Der nächste Durchgang hatte begonnen, kurz blickte er auf die Uhr: Punkt zehn. Eilig schlüpfte er in Jacke und Schuhe und rannte aus seiner Wohnung Richtung Garage. Auf dem Weg schon schaltete er sein Global auf Aufzeichnungsmodus, im Auto dann rezitierte er die auswendig gelernten Codes und Kennwörter - er wollte keinesfalls riskieren, sie einfach so zu vergessen.
Die Strassenverkehrsordnung legte Liam sehr lax aus, nicht nur eine rote Ampel wurde einfach ignoriert, er wurde auch häufig verärgert angehupt. Mit quietschenden Reifen kam er im Halteverbot vor Sandovals Wohnblock zu stehen und sprintete durch den Eingang. Der Concierge hing bewusstlos halb durch sein Fensterchen, seine Mütze lag darunter am Boden. Liam hastete weiter, drückte sich unter dem Knick der Treppe an die Wand und entsicherte seine Waffe. Von oben waren schon Schritte zu hören, Lindsays ganz regelmässig, wohingegen Sandovals deutlich machten, dass er gezogen und gezerrt wurde.
Jetzt kamen sie die Treppe herunter, Lindsay im Anzug, Sandoval im karierten Pyjama und in Handschellen. Liam hielt sich nicht mit Nettigkeiten auf, er schoss Lindsay einfach nieder.
"Major!", war Sandoval entsetzt.
"Ich stecke in einer Zeitschleife, er wollte Sie in die Folterkammer bringen, Ihr erster Schwarm war Melany Corbett, und zwar eine andere Melany Corbett, und wir müssen hier weg, weil Zo'or vermutlich auch in diesem Durchgang auf Washington schiesst, sofern es nicht ausgerechnet von Lindsays Rückkehr aufs Mutterschiff abhängt."
"Wie bitte?" Sandoval war ganz offensichtlich alles andere als überzeugt.
"Ich erkläre es später genauer", versicherte ihm Liam und zog ihn mit in den Garten und in Lindsays Shuttle. Der Major setzte sich auf den Pilotensessel, öffnete sein Global und wählte Augur aus. "Augur, hör auf, Lili schöne Augen zu machen, du musst mir dringend ein Shuttle aus der Ortung nehmen."
Keine Reaktion.
"Augur, verdammt!" Liam wählte verärgert Lilis Kennung. "Lili, ich brauche Augur", sagte er.
"Okay", sagte sie.
"Du störst!", grüsste Augur knurrig.
"Ich sitze in Lindsays Shuttle, nimm es aus der Ortung, das ist sehr dringend!"
"Meine Güte!", war der Hacker plötzlich aufgeregt, kurze Zeit war er still, dann sagte er: "Okay, ist raus. Sonst noch etwas?"
"Ja, nimm Lili und deinen stärksten Laptop und geh durchs Portal - wir treffen uns in ... in Salem, Oregon, in der Bellamy Hall." Damit schob Liam sein Global zu und streckte seine Hände in die holographische Steuerung.
"Bellamy Hall in Salem ist auf keiner Karte verzeichnet", stellte Sandoval fest, während der Major das Shuttle abhob und in die Interdimension sprang.
"Nein, ist es nicht", bestätigte Liam, "Es ist auch ein Codewort."
"Wofür?"
"Das dortige Widerstandshauptquartier."
"Das ist also der Plan - Lindsay reisst mich aus dem Bett, Sie befreien mich und hoffen, ich sage etwas über den Widerstand. Sandovals Skrill zischte bedrohlich. "Ich gehöre nicht dazu, das habe ich schon Lindsay gesagt. Aber da Zo'or offenbar der Meinung ist ..."
"... verschleppen Sie mich jetzt nach Rabat, Marokko, das hatten wir schon", rollte Liam heftig mit den Augen, "Sandoval, Sie haben mir nicht umsonst ein nutzloses Geheimnis anvertraut. Ihr erster Schwarm, Melany Corbett, die die halbe Schule damit aufgezogen hat."
"Das habe ich zwar niemandem bisher erzählt, aber ..."
"Aber was? Seit wann kann ich bitte Gedanken lesen?", wandte sich der Major zu seinem Passagier im Pyjama um, "Ich weiss, Sie halten mich für den skrupellosesten Taelonschergen, den man sich vorstellen kann, aber das bin ich nicht. Ich bin der Anführer des Widerstandes."
"Aber die Taelons besitzen die Technologie, Wissen aus den CVIs abzufragen", blieb Sandoval hart. Sein Skrill glühte auf. "Sie ahnten ja schon Rabat, Marokko, darum wähle ich einen anderen Ort: Dakar, Senegal."
"Vergessen Sie es", schüttelte Liam den Kopf, "und mit den Handschellen können Sie das Shuttle gar nicht fliegen, Sie sind also auf mich angewiesen."
"Die kriege ich schon auf, Kincaid." Um das zu beweisen schoss Sandoval auf den linken Teil der Handschellen, was ihm eine freie Hand und schwere Verbrennungen an derselben einbrachte. "Und jetzt los! Dakar!"
Liam starrte ihn einige Augenblicke lang überrascht an, dann atmete er tief durch und fasste sich. "Ich mache das ungern", sagte er, "aber in dem Fall muss ich Sie einfach zwingen." Es würde keine Konsequenzen haben, versicherte sich Liam energisch selbst, dann streckte er seine Hände aus und seinen Vater per Shaqarava nieder.
Nächster Halt: Bellamy Hall.


"Liam, was soll das?" Hailey Simmons, Anführerin des Widerstandes Nordwest, stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab, beugte sich nach vorne und starrte Liam mit blitzenden Augen nieder. "Auch wenn wir eine Ausnahmesituation haben, der da", sie wies auf den noch immer nur in den karierten Pyjama gekleideten Asiaten mit inzwischen immerhin verbundener Hand, "ist trotzdem noch ein Implantant und damit hat er hier nichts verloren!" Ihr Stellvertreter Tony Ferrara spielte derweil sichtlich voller Vorfreude mit seiner Waffe, was von Sandoval unruhig beobachtet wurde.
"Geben Sie mir zwanzig Stunden", sagte Liam.
"Wofür?"
"Um der zwanzig Stunden umfassenden Zeitschleife auf den Grund zu gehen", erklärte er, "Und ich habe keine Lust, zusätzlich dazu noch Ihren Schützenkönig im Zaum zu halten."
"Liam hat uns aus Washington rausgeschickt", ergriff Lili das Wort, "keine halbe Stunde, bevor die Stadt komplett ausradiert wurde. Ich glaube ihm, dass er in einer Zeitschleife ist."
"Ja, aber das entschuldigt nicht, dass er Sandoval mitgebracht hat!", brachte sich Schützenkönig Tony lautstark ein, "Der Kerl verpfeift uns doch alle!"
"Nein, tut er nicht", sagte Liam fest, "und Sie stecken jetzt gefälligst die Waffe weg."
"Aber ..."
"Zwanzig Stunden, Ferrara, danach können Sie ihn meinetwegen erschiessen."
"Deal!", sagte Hailey, "Zwanzig Stunden. Und Sandoval bleibt in sicherem Gewahrsam."
"Deal." Liam streckte ihr seine Hand hin und Hailey schüttelte sie. "So, kommen wir zu den wichtigen Dingen", wechselte er das Thema, "Washington? Komplett ausradiert?"
"Komplett", bestätigte Augur, "Inklusive Taelonbotschaft. Der Schuss kam definitiv vom Mutterschiff."
"Entschuldigen Sie", kam von Sandoval, "Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir anständige Kleidung zur Verfügung zu stellen?" Alle sahen ihn daraufhin an, Augur und Hailey mussten sichtlich kämpfen, um nicht in Gelächter auszubrechen. "Oder wenigstens Socken ..." Der Agent tippte mit der rechten grossen Zehe auf den blanken kalten Betonboden.
Liam rollte knapp mit den Augen und schickte Tony los: "Holen Sie ihm etwas. Und zwar mehr als nur Socken! Und lassen Sie Ihre verdammte Waffe statt der Socken im Schrank!"
Der Schützenkönig zog eine Fratze und knurrte: "Ja, SIR!", dann stapfte er durch eine Türe und kam wenig später mit einem nachtblauen Jogginganzug und Tennissocken zurück. Sandoval zog den Jogginganzug dann einfach über seinen Pyjama und bedankte sich höflich.
"Komplett zerstört", griff Liam das Thema wieder auf, "Das hat Zo'or in den bisherigen Durchgängen nicht getan, da war es nur ein Drittel der Stadt. Ich vermute, er hat die Botschaft mit einbezogen um Da'an daran zu hindern, ihm die Leviten zu lesen."
"Was haben wir das letzte Mal getan?", fragte Augur.
"Ah, ja." Der Kimera grinste. "Da'an hat uns ein paar Kennwörter gegeben. Hier, ich habe sie mir gemerkt und gleich mit Beginn der Schleife notiert." Er rief die Daten auf seinem Global auf und reichte dem Hacker das Gerät. "Du solltest in der Lage sein, Zo'or festzusetzen."
"Okay, und weiter?"
"Sieh, ob du etwas über Ausstellungsstück 51 herausfindest. Vor allem, wo es sich gerade befindet."
"Das Kimera-Zeitportal ... ist die beste Erklärung für eine Zeitschleife", sagte Augur, "Weisst du schon etwas?"
"Nur dass nicht in der Liste steht, wo es ist."
Der Hacker nickte knapp, klappte seinen Laptop auf und überprüfte das schnell. "Stimmt. Bei allen anderen Ausstellungsstücken steht dabei, ob sie im Lager sind oder schon gereinigt werden. Beim Zeitportal steht gar nichts."
Liam fuhr sich durch die Haare und unterdrückte ein Gähnen. "Schön. Ich fliege mal los und verschaffe mir ein Bild von der Zerstörung. Sandoval? Wollen Sie mitkomm..."
"Er darf das Gebäude nicht verlassen!", unterbrach Hailey.
"Er bleibt in sicherem Gewahrsam", sagte er fest, "Das ist er bei mir im Shuttle auch. Kommen Sie, Sandoval." Er streckte seine Hand in Augurs Richtung und erhielt das Global, von dem der Hacker die Kennwörter schon kopiert hatte. "Danke." Ohne auf den Protest von Hailey und Tony einzugehen, schob er dann Sandoval in den Lift und drückte den Knopf für die Garage.
Der Agent schwieg, während sie ins Shuttle stiegen, auch auf dem Flug durch die Interdimension blieb er still. Als das Shuttle schliesslich über die Stadt aus Asche und Staub flog, murmelte Sandoval bitter: "Sechshunderttausend ... in einem einzigen Augenblick."
"Ich werde es verhindern", sagte Liam und steuerte auf die Botschaft zu, die das einzige noch erkennbare Gebäude war, wenngleich ungesund braunrot und verzerrt. "Und im nächsten Durchgang werden Sie mir schneller glauben, dass ich in einer Zeitschleife stecke und zum Widerstand gehöre. Ihr Geheimnis hat es nicht gebracht, ich brauche ein anderes."
"Es wird keines den gewünschten Effekt haben, Major", widersprach Sandoval, "Die Vermutung, Zo'or hätte mit irgendeinem Gerät meine Erinnerung ausgelesen, wird bleiben."
"Jetzt glauben Sie mir?"
"Ja. Major, was haben sie vorhin mit mir gemacht?", fragte er, "Ihre Hände haben geleuchtet, wie ich es bisher zwei mal mit ähnlichem Ergebnis bei anderen Personen gesehen habe." Liam wandte sich zu ihm um und runzelte die Stirn. "Bei Rho'ha zunächst, später bei Ha'gel - aber Sie sind ein Mensch."
"Teilweise", korrigierte der Major, "Ha'gel ist mein Vater." Flüchtig liess er Shaqarava in seiner rechten Hand aufglühen. Es hatte keine dauerhaften Konsequenzen, was Sandoval über ihn wusste. Eigentlich könnte Liam ihm genausogut die ganze Wahrheit erzählen, aber er entschied sich doch dagegen. "Zo'or wäre fürchterlich aufgeregt, wenn er wüsste, dass er einen Kimera in der Nähe hat", grinste er nur, "Es gilt, tunlichst zu vermeiden, dass er es erfährt - er würde sich erinnern."
"Weshalb haben Sie mich gerettet?", fragte Sandoval, "Ich bezweifle, dass ich Ihnen eine grosse Hilfe sein kann, und jede Änderung birgt die Gefahr, dass Zo'or vermutet, dass jemand ausser ihm sich erinnern kann."
Liam senkte den Blick. "Weil ich im ersten Durchgang für Ihren Tod verantwortlich war. Ich habe Ihnen einen Widerstandsangriff in die Schuhe geschoben und Zo'or war ... gnadenlos."
"Möglicherweise glaubt er noch immer, dass ich für den Angriff verantwortlich war."
"Möglicherweise", stimmte der Kimera zu, "und möglicherweise sollten wir das auch nutzen." Er zog einen Mundwinkel hoch und Sandoval verstand offensichtlich und grinste ebenfalls.



Veria

Code:
HAI
    CAN HAS STDIO?
    VISIBLE "HAI WURLD!"
KTHXBYE
08.12.2011 01:00
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Taoynin Offline
Baumbewohner

Beiträge: 2.915
Registriert seit: Apr 2010
Beitrag: #2
RE: 8. Türchen: Der Blick zum Horizont VIII
Es ist schon interessant, wie effektiv ein Mensch wird, wenn er in einer Zeitschleife hängt. Zwinkern Liam ist echt routiniert mitllerweile.
Eigentlich könnte er Sandoval jetzt alles über seine Herkunft erzählen, da dieser ja beim nächsten Durchlauf alles wieder vergessen hat. Wäre ich Liam, würde mich schon interessieren, wie Sandoval darauf reagieren würde. Freuen
10.12.2011 16:59
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Hagazussa Offline
Raumfahrende, katzenähnliche Wesenheit

Beiträge: 8.970
Registriert seit: Apr 2010
Beitrag: #3
RE: 8. Türchen: Der Blick zum Horizont VIII
Das hebt sich Veria vielleicht für die nächste Schleife auf. Freuen
Die ganze handlung erinnert mich irgendwie an eine Folge von Stargate, da konnten sich allein O'Neill und T'Cal(?) an die Schleife erinnern und die haben dann so allerhand Dummheiten (z.B. Golfen durch die Wurmlöcher) gemacht, in der Überzeugung, dass es ja keine Konsequenzen hat und am Ende waren auf den nicht von der Schleife betroffenen Planeten 3 Monate vergangen, bis das Problem was die Zeitschleife verursacht hatte gelöst war.

"Die Katze verbringt 2/3 ihrer Zeit mit schlafen.
Die Katze vermittelt das Bild einer Welt, deren Eroberer im Bett bleiben."


Jean Guttle Hué
25.01.2012 12:17
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Antwort schreiben 



Gehe zu: