Vorsicht! Man sollte sich nicht vom Titel in die Irre führen lassen. Für die einen ist es ein Traum, aber für andere kann es zum Alptraum werden.

Viel Spaß.
~~~
Irgendwo auf einer abgelegenen Rinderfarm im Nordwesten Montanas, in der Nähe von Whitehall, starrte ein ziemlich frustriertes siebzehnjähriges Mädchen namens Ashley Merriweather in den Spiegel.
Wann kam sie endlich aus diesem langweiligen Kaff heraus? Nie passierte hier mal etwas.
Das letzte aufregende Ereignis fand vor ungefähr vier Jahren statt, als „Ace Hardware“ bis auf die Grundmauern abfackelte. Man vermutete Brandstiftung, aber die Täter wurden nie gefasst. Sheriff Bannerman war damals völlig überfordert, sein größter Fall war bis dato ein Fahrraddiebstahl in der High School gewesen.
Ach ja, einen Monat später kamen die Taelons zur Erde. Erst waren alle Einwohner zu Tode erschrocken, dann euphorisch, aber schließlich kehrte schnell der Alltag wieder ein.
Die Farm wurde modernisiert, die Rinder gentechnisch verbessert und das war’s auch schon. Typisch Hinterwäldler.
Selbst das monatliche Barbecue war für diese Menschen aufregender, als die Tatsache, das jetzt Aliens auf der Erde waren.
Als Ashley sich entscheiden sollte, auf welches College sie im nächsten Jahr wollte, fiel die erste Wahl eigentlich auf die 2000 Meilen entfernte George Washington University, aber ihre Eltern erhoben berechtigten Einspruch. Nach endlosen Diskussionen ließ man ihr die Wahl zwischen Butte und Bozeman. Ashley entschied sich für letzteres, das war immerhin so um die 40 Meilen weiter von zu Hause entfernt.
Wenigstens teilte ihr fünfzehnjähriger Bruder Jason ihre Begeisterung für die Außerirdischen, aber das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die sie hatten. Während seine Interessen für Science-Fiction eher so in Richtung Star Treck oder die Star-Wars-Saga tendierte und er manchmal sogar peinlicherweise mit einem Laserschwert durch die Gegend hüpfte, konzentrierte sich Ashley lieber auf die real existierenden Aliens auf diesem Planeten. Wenn sie das College abgeschlossen hatte, würde sie zum FBI gehen und dann Companienbeschützer werden, das war mal sicher. Sie wollte ja schließlich nicht auf irgendeiner Farm versauern.
Ihre ältere Schwester Audrey hingegen war eher bodenständig veranlagt und hatte nur eines im Kopf: wo nehme ich einen respektablen und gutsituierten Ehemann her? Sie war im heiratsfähigen und auch –willigen Alter und ständig auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten. Die Dorftrottel aus der Umgebung kamen natürlich nicht in Frage, denn sie wollte sich ja schließlich
verbessern.
Nun mit 22 Jahren war das Verfallsdatum ja auch schon fast überschritten, meinten jedenfalls ihre Eltern.
Ein Wunder, das sie noch auf der Farm wohnen durfte. Das hat mit dem Prestige zu tun, erklärte ihr Vater. Na, wenn er meint. Gut, nachdem sie dreimal hintereinander zur hiesigen Schönheitskönigin gewählt wurde, stand ihr eine gewisse Arroganz wohl auch zu.
Und dann war da noch Grandma, die Mutter ihres Vaters. Körperlich war die zweiundachtzigjährige noch ziemlich rüstig, aber im Oberstübchen ging die Kerze schon seid längerer Zeit auf Sparflamme. Oh, sie war nicht senil oder so, aber es gab einige Dinge, die sie einfach nicht mehr schnallte. Die Ankunft der Taelons zum Beispiel. Oder warum die Kühe jetzt dreimal mehr Milch gaben, als zu ihrer Zeit. Einmal hatte sie ein Global in der Hand und meinte, diese kleinen Fernseher seien aber schwer zu bedienen. Na ja, etwas verwirrt die alte Dame, aber trotzdem mochte Ashley ihre Grandma von allen Verwandten noch am liebsten.
Zu allem Überfluss war schon wieder Weihnachten. Sie hasste dieses Fest, konnte aber nicht genau sagen warum. Es waren viele kleine Dinge, die ihr gehörig auf die Nerven gingen. Das tonnenweise aufgetürmte Weihnachtsgebäck und die themenbezogenen Schokoladenfiguren in den Supermärkten sowie das ständige Gedudel von Weihnachtsliedern aus den Lautsprechern.
Am meisten störte Ashley aber der ganze Trubel, der zu Hause veranstaltet wurde. Pünktlich zur Adventszeit begann jedes Jahr das gleiche Spektakel.
Zuerst wurde jeder Quadratzentimeter der Außenfassade mit Lichterketten bedeckt, dann kamen diverse Plastik-Rentiere nebst Schlitten in den Vorgarten und schließlich überrollte eine rot/grüne Schmückorgie lawinenartig das Hausinnere.
Am Heiligabend versammelte sich die ganze Verwandtschaft auf der Farm, um über die Feiertage gemeinsam Frohsinn und heitere Besinnlichkeit zu zelebrieren. Schon beim Gedanken an den bevorstehenden Gesangsabend vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum wurde ihr speiübel.
Noch vier Jahre – dann war sie volljährig und konnte das Weite suchen. Washington D.C., das war ihr Ziel, ihr großer Traum.
Er war dort. Vielleicht hatte sie ja einmal das große Glück,
ihn persönlich kennen zu lernen.
Mit einem tiefen Seufzer drehte Ashley sich um und betrachtete ihre neueste Errungenschaft.
Ein 180x120 cm großes Poster aus der Taelon-Merchandising-Abteilung für den absoluten Schnäppchenpreis von 59,99$ zierte die gegenüberliegende Wand.
Es zeigte den Nordamerikanischen Botschafter Da’an, der einem recht jungenhaften Mann mit Zahnpastalächeln die Hand schüttelte:
Major Liam Kincaid – Companienbeschützer.
Schon rein optisch verkörperte er für sie die Perfektion eines Mannes schlechthin. In ihrer gedankenverlorenen Schwärmerei bemerkte sie gar nicht, wie ihr der Sabber aus dem Mund tropfte.
„Audrey, Ashley, Jason kommt runter und begrüßt die Verwandten!“ riss die resolute Stimme ihrer Mutter sie aus ihren Träumen.
Also gut, es war soweit. Nachdem nun endlich ihre Cousine Denise samt Ehemann Brad und Sohn Luke aufgeschlagen war, konnte das Schauspiel beginnen.
Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. Schwarze Hose, schlichter beigefarbener Pullover, das reicht. Sie
wünschte, dass nur einmal etwas Aufregendes passieren würde und dieses langweilige Weihnachten nicht wieder nach dem vorgeschriebenem Drehbuch ablaufen würde. Mit einem tiefen Seufzer zwang sich Ashley zu einem Feiertagsgerechten Lächeln und ging zur Begrüßungszeremonie hinunter.
Unten stand die Bilderbuchfamilie von Kopf bis Fuß in teuren Kunstpelz gehüllt in der Eingangshalle und wurde stürmisch von Ashleys Mutter Ellen begrüßt. Denise und Brad sahen aus wie zwei Yetis, während der zweijährige Knirps eher an einen kleinen, fetten Teddybären erinnerte.
Ashleys Vater Harold hielt sich wie immer schweigend im Hintergrund, er war kein Mann der vielen Worte. Wie auch, bei dem andauernden Redeschwall seiner Frau hatte er eh selten eine Chance, etwas zu sagen.
Aus der Küche stieß Denises Mutter Bree, die ältere Schwester von Ellen, mit stolzgeschwellter Brust zur Truppe.
Mit Recht, schließlich war ihre Tochter eine erfolgreiche Anwältin einer Bostoner Kanzlei, hatte sich eine gute Partie als Ehemann geangelt und ihr einen Enkelsohn geschenkt. Was will eine Mutter mehr?
Sie war schon gestern eingetroffen, um bei den Vorbereitungen und vor allem beim Kochen zu helfen. Ihre Rezepte waren natürlich um Längen besser als die von jeder anderen Hausfrau, schließlich hatte sie einen gut gehenden Catering Service am laufen. Von den bereits veröffentlichen Kochbüchern ganz zu schweigen.
Nachdem die drei Neuankömmlinge aus dem Pelz geschält wurden, begab man sich gemeinsam in den Salon, wo beim folgenden Kaffeekränzchen jeder mit seinen neuesten Erfolgen und Errungenschaften protzen und prahlen konnte. Oh ja, das Konkurrenzverhalten war sehr stark ausgeprägt in dieser Familie.
~~~