Morgeeeen!
Sarah sah Zo’or einen Moment einfach nur hinterher. War dieser gerade tatsächlich an ihr vorbei gestürmt und hatte sie nicht eines einzigen Blickes gewürdigt? Statt dessen folgte ihm nun sein Beschützer zum Shuttle und etwas perplex begriff sie, dass sie schon wieder vergessen worden war. Erst fragte man sie um Hilfe und im nächsten Moment war sie für Zo’or schon wieder nicht existent.
Doch um sich darüber Gedanken zu machen, hatte sie keine Zeit, sie musste die beiden einholen um nicht länger als notwendig in der Wüste zu bleiben, so dass sie nun rannte. Für einen Moment glaubte sie Sandoval leicht grinsen zu sehen, als er ihr einen Blick zuwarf, während er auf dem Pilotensitz saß und sich das Shuttle langsam vom Boden erhob. Zo’or schien wirklich einiges vergessen zu haben, so sah Sarah dabei zu, wie sich das Fluggerät mehr oder minder elegant in den Himmel schwang und kurz darauf verschwunden war. Resigniert zog sie ihr Global hervor. Hoffentlich geschah ihr das nicht allzu oft in der Gegenwart dieses Taelons, sonst würde man sich bald fragen, warum man sie an solchen
Orten vergaß. Selbst sie konnte sich der Frage nicht erwehren, ob dahinter nicht irgendeine Absicht Seitens des Synodenführers stand.
Zo’or rauschte durch die Gänge des Mutterschiffs auf direktem Wege zum Stasisdeck, in der steten Hoffnung dort Do’ren anzutreffen, doch er wurde aufgehalten. Da’an stand plötzlich vor ihm und verperrte ihm den Weg, schüttelte nur leicht den Kopf.
„Was suchst du hier?“ fragte der Synodenführer überaus gereizt und versuchte an seinem Elter vorbei zu kommen, der ihn mit einer kurzen Handbewegung aufhielt.
„Er ist nicht hier!“
Für einen Moment schien Zo’or fast verwirrt zu sein, dann meinte er arrogant. „Ich weiß nicht von dem du sprichst!“
„Do’ren, Zo’or. Er ist gestorben bevor er in Stasis gehen konnte und das weißt du!“
Der Angesprochene schwieg und schaute an Da’an vorbei. Wenn er genau ins Gemeinwesen spürte...
„Wurde er ermordet?“ fragte er, obwohl er genau wusste wie überflüssig diese Frage war, denn auch diese Antwort kannte er.
„Nein.“
Vielleicht war es möglich, dass er in der Stimme seines Elters eine gewisse Art von Trauer hören konnte, vielleicht war es aber auch vielmehr so, dass dieser dem Tod eines Artgenossen genauso wie immer gegenüberstand: Mit leichtem Bedauern weil wieder jemand von ihnen gegangen war, aber vordergründig doch mit Gleichgültigkeit. Es war nicht zu vergleichen mit dem was Zo’or in diesen Moment empfand, dass Do’ren gegangen war. Freiwillig.
Er musste gewusst haben, dass es an der Zeit war in Stasis zu gehen und sich entschieden haben einen anderen Weg einzuschlagen, indem er diesen einfach verließ.
„Wenn du Hilfe benötigst...“ fing Da’an langsam an und näherte sich ihm vorsichtig, doch Zo’or wich einen Schritt vor ihm zurück.
„Ich wüsste nicht wobei!“ antwortete er kalt und ablehnend und als keine Erwiderung von dem Botschafter kam, drehte er sich um und schritt Richtung sein Quartier. Dort war Do’ren als letztes gewesen, zumindest vermutete er dies.
So schloss er auch, kaum dass er wieder in seinen Raum war, diesen sorgfältig ab und setzte sich auf seinen Stuhl. Zo’or wusste, dass die Gedanken, die er hatte, keine waren die er haben sollte. Aber so weit er wusste war Do’ren, selbst als er noch Mitglied einer Kaste gewesen war, nicht besonders erfolgreich im Bemühen gewesen ihre Probleme zu lösen, eigentlich hatte er gar nichts für ihren Weg getan. Do’ren hatte sich mit etwas beschäftigt, was keinen Wert hatte und doch fühlte er seinen Tod als einen Verlust.
Er erinnerte sich an Dinge, an Momente, in denen er bei ihm gewesen war, wo er sonst alleine war, an Zeiten, in denen er ihm Fähigkeiten zeigen konnte, die Da’an ihm niemals nahe gebracht hatte. Wenn er weiter darüber nachdachte, stand dieser Taelon ihm näher, als es bei jeden anderen Mitglied des Gemeinwesens jemals der Fall gewesen war.
Für einige Minuten verlor er die Fassade und ein Gefühl, das der Trauer gleichkam, breitete sich in seiner Energie aus. Zo’or hatte es immer gewusst, ihm war klar gewesen, dass Do’ren nicht in Stasis gehen würde, da er im Laufe der Zeit zu einer Sicht gekommen war, die nur wenige nachvollziehen konnten, er gehörte nicht dazu.
In dem Augenblick in dem ihm ihre erste Begegnung einfiel, fiel seine Aufmerksamkeit auch schon auf seinen Datenstrom. So öffnete er diesen schließlich und fand auch gleich das was er erwartet hatte. Zeichen, die vieldeutig über den Bildschirm huschten und das darstellten, was von Do’ren übrig geblieben war. Ein letztes Werk, ein letzter Ausdruck seiner Hoffnung und Trauer und der Synodenführer verstand. Er konnte diesen Text deuten, Zo’or erkannte, dass es tatsächlich von ihm handelte und auch von Do’ren und doch war er immer noch nicht in der Lage zu verstehen was sein Freund ihm damit hatte sagen wollen.
Zo’or blieb dort sitzen, für einige Zeit. Er sah in dem Gedicht eine Art der Botschaft, die Do’ren ihm hinterlassen hatte und die ungemein wichtig für ihn war, in diesen Moment. Dabei konnte er es selber nicht einmal im Ansatz nachvollziehen was mit ihm gerade eben geschah, aber die Zeichen, die er immer wieder vor sich in veränderter Form sah, gewannen immer mehr an Bedeutung und gleichzeitig nahm seine Trauer zu, was für ihn ein unhaltbares Gefühl war, dass er nicht zu beseitigen wusste. Auch das Gemeinwesen war keine Alternative, er spürte dessen dämpfenden Einfluss, aber es war nicht genug. Es war als wäre er allein in seinen Raum und diese Einsamkeit war etwas, dass Zo’or immer mehr einhüllte, bis er in seinen Gedanken und diesen wunderbaren Text versank, der ein Abschied war und gleichzeitig etwas in ihm auslöste was wunderbar war.