15. Türchen- Ein letztes Werk, Teil 3
Sarah startete erleichtert, als Zo’or endlich eingestiegen war, auch wenn sie es lieber gehabt hätte, würde sie ihm nicht so oft begegnen, wie sie es in letzter Zeit tat. Ihr war der Verdacht gekommen, dass er mit Absicht immer sie als Pilotin wählte, wohl um zu kontrollieren, dass sie über seinen Ausflug Stillschweigen bewahrte? Sie hatte noch nicht vergessen, wie Zo’or sie an der kastalischen Quelle allen Anschein nach mit Absicht vergessen hatte. Zuerst war sie sehr beunruhigt gewesen, als Zo’or damals nicht zurück gekehrt war, doch als sie sich schließlich auf die Suche nach ihm gemacht hatte, musste sie sich selbst eingestehen, dass er wohl schon wieder verschwunden war. Besorgt war sie längere Stunden einfach in der Nähe der kastalischen Quelle geblieben und auf und ab gelaufen. Schließlich war sie dann sehr erleichtert gewesen war, dass Zo’or sie wohl doch nicht vergessen hatte, da sie ein paar Stunden später von einem Hilfsshuttle abgeholt worden war, doch mittlerweile war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie dies als Glück betrachten konnte. Mit einem Seufzen wandte sie sich wieder der Steuerung des Raumschiffes zu und versuchte sich ganz auf den Flug zu konzentrieren, was ihr in Gegenwart eine Taelons schon immer schwer gefallen war, erst Recht wenn dieser Taelon Zo’or hieß.
Nur kurze Zeit später landeten sie und Zo’or entstieg stolz und sehr elegant seinem Shuttle, sah sich nach dem um, mit dem er reden musste. Sandoval ging wieder vor ihm her um ihn wie immer zu beschützen und Zo’or war furchtbar langweilig, er wäre nun lieber oben bei Do’ren, warum musste er sich gerade jetzt mit einem Menschen abgeben?
Dieser trat, kaum hatten sie das Gebäude betreten auf sie zu und begrüßte ihn, höchst erfreut, auch mit dem höchsten Maß an Ehrerbietung die er aufzubringen imstande war, gepaart mit einer ihn fast schon überwältigenden Angst. Wo war nur Renee, mit so einem konnte er nicht reden!
Sehr genervt, aber auch überaus froh endlich gehen zu können, bewegte sich Zo’or auf sein Shuttle zu, war dabei froh, dass dieses Gespräch, sofern man es so nennen konnte, schnell genug zum Ende gekommen war. Wie Menschen derart inkompetent sein konnten war für ihn unbegreiflich.
Seine Freiwillige- er fand durchaus, dass er sie als seine sehen durfte- saß immer noch im Shuttle und er machte sich Gedanken darüber wie er nun bloß Sandoval los werden konnte. Denn noch wollte er nicht auf das Mutterschiff zurückkehren, wohl auch weil er Angst hatte, dass Do’ren vielleicht nicht schnell genug fertig war.
So herrschte er ihn an: „Sie bleiben hier stehen und sagen kein Wort!“
Eine Erklärung seines Verhaltens hatte er nicht vor abzugeben, statt dessen ging er auf seine Freiwillige mit Namen Sarah zu, stieg in das Shuttle und fragte auch schon: „Sie werden mir eine Frage beantworten müssen! Es werden nicht alle Dichter zur kastalischen Quelle gepilgert sein um dort ihre Inspiration zu erlangen, dafür reicht schon allein das Geld einiger Leute nicht aus! Welche Möglichkeiten haben Menschen neben dieser noch?“
Sarah schreckte aus ihren Gedanken hoch, sie wurde leicht rot als ihr klar wurde, dass sie in einer Art ihre Pflicht vernachlässigt hatte. Zumindest sah sie dies so. „ Oh, da haben Sie natürlich Recht... nun ja, meistens versuchen sie ihre Anregungen in Landschaften zu finden, in denen sie ihre Gedanken schweifen lassen können...“ sie merkte dass sie ein wenig vom eigentlichen Thema abschweifte und hielt daraufhin den Mund, wartete statt dessen auf eine Erwiderung Zo’ors.
Dieser sah sie nachdenklich an, traf dann schnell eine Entscheidung und wandte sich wieder den Ausgang des Shuttles zu. „Ich hoffe sie haben diesbezüglich einen guten Vorschlag?“
Fröhlich ihm eine, möglicherweise zufriedenstellende, Antwort geben zu können, meinte sie: „Ja, ich habe davon gehört dass die Wüste ein guter Ort sein soll, um seine Muse wieder zu entdecken...soll ich schon mal die Koordinaten eingeben?“ erwartungsvoll warf sie Zo’or einen kurzen Blick zu.
Eigentlich hörte er ihr schon fast nicht mehr zu, schon mal gar nicht was die Koordinaten anging, statt dessen wollte er nur wissen: „Wie können nur Menschen gerade darauf kommen?“
Doch er wartete nur kurz auf eine Antwort, dann verließ er das Shuttle und ließ sich dazu herunter wieder mit seinem Beschützer zu reden. Vielleicht wäre es vorübergehend besser, wenn er Sarah implantierte.
„Na ja, es ist eine wunderschöne Landschaft und es gibt viele erstaunliche Bauwerke die von hoher Kreativität zeugen und die Atmosphäre...“ Erst da fiel ihr auf, dass Zo’or schon längst das Shuttle verlassen hatte und ihre Erklärung völlig überflüssig gewesen war. Der Taelon unterhielt sich nun gerade mit seinem Beschützer und als beide auf sie zukamen konnte sie den Gedanken, der sie selbst vollkommen verwirrte, nicht unterdrücken, dass sie beinahe ein Gefühl der Eifersucht und der Fassungslosigkeit empfand, dass sie dieses Mal nicht mit Zo’or alleine reisen sollte, sondern dass dieser tatsächlich seinen Beschützer mitnehmen wollte. Eigentlich hatte sie nun wirklich keine große Lust auf seine Gesellschaft.
„Sie kommen mit, haben immer noch nichts zu sagen und werden auch zu keinem anderen Taelon, sei denn ich erlaube es Ihnen ausdrücklich, nur ein Wort darüber sagen was wir jetzt gleich tun werden! Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Sandoval nickte nur, auch wenn er wahrscheinlich lieber etwas erwidert hätte, so ganz sicher war dies allerdings nicht, da er Zo’ors Befehl wortwörtlich befolgte und nach diesem wieder in das Shuttle stieg.
„Starten Sie und fliegen Sie mich zu diesen... Ort! Ich habe dort etwas wichtiges zu erledigen!“
Immer noch etwas schlecht gelaunt startete sie schließlich wortlos das Shuttle und binnen Sekunden waren sie angekommen. Alle stiegen aus, obwohl Sarah nicht genau wusste, ob ihr dies erlaubt war, doch sie tat es trotzdem.
Zo’or sah sich um. Er war tatsächlich in der Wüste, inmitten einer Landschaft, in der nur Sand existierte, in der er niemand sehen konnte und sonst auch nur Sand sah und viele Sterne. Auf welche Art und Weise sollte das denn ihn zum schreiben bringen? Da sah ja alles gleich aus! Es war eine blöde Idee gewesen, aber sie stammte ja auch von einer Freiwilligen.
„Sie bleiben hier, Sandoval, Sarah, sie folgen mir!“
Da er sicher war, dass man seinen Befehlen Folge leisten würde, wanderte er auch bereits über den Sand und freute sich, dass er bald sehr viele Leute außer Sichtweite hatte. Sarah beeilte sich, ihm zu folgen und sah sich indes unauffällig um. Nun ja, sehr viel wuchs hier zwar nicht, doch trotzdem fand sie die Landschaft sehr faszinierend, hatte jedoch nicht das Gefühl, dass Zo’or diese Meinung teilte.
Endlich waren sie weit weg genug von seinem Beschützer, dass er diesen nicht mehr sehen konnte, was er als Chance sah, nun auch seine Freiwillige in der Wüste stehen lassen zu können.
„Sie warten hier, bis ich wieder komme!“
Das waren seine vorerst letzten Worte an sie und er wandte sich von ihr ab, schaffte es auf eine Düne hinauf und kam schneller wieder herunter, als er hinauf gekommen war, so dass er auch gleich einen Sitzplatz gefunden hatte.
Dort blieb er dann auch, dieser Platz war genauso gut wie jeder andere, es war sowieso überall nur Sand und er bezweifelte, dass er dort gut schreiben könnte. Und doch sah er nun hinauf in den Himmel, die Sterne erinnerten ihn an die Quelle und auch an Do’ren, der dort oben in seinem Quartier war.
Das Schreiben hatte plötzlich etwas so einfaches an sich, dass er selber völlig erstaunt war...
Verunsichert stand Sarah noch an dem Fleck, an dem Zo’or sie zurück gelassen hatte, verängstigt, dass er sie augenscheinlich wieder vergessen würde, diese Situation erinnerte sie zu plastisch an Griechenland und sie wusste, was daraus geworden war. An diesem Platz wollte sie nun wirklich nicht weiter als unbedingt nötig bleiben und selbst die Gesellschaft von Sandoval erschien ihr in diesem Moment als angenehmer. Ungeduldig blieb sie trotzdem an stehen und wartete auf die Wiederkehr von Zo’or.
Ein Fließen der Bilder in seinem Kopf, veränderte Zeichen vor seinen Augen, immer wieder neue Kombinationen, die aus ihn selbst zu strömen schienen. Als Ganzes strahlte es mehr Gefühle aus, als er selber gedacht hätte zu haben, zeigte es ihm mehr, als er vorhatte zu schreiben, verstand er selber nicht, was er gerade tat, welche Bedeutung all diese Zeichen hatten, die aus den tiefsten seines Geistes zu kommen schienen, den er eigentlich verschlossen hatte, oder hatte er nicht von der Existenz dessen gewusst? Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte er so gehandelt, nur hatte dies in diesen Moment keine Bedeutung mehr für ihn.
Silberne Sterne fielen wie ein Vorhang durch den Nebel seines Seins, durchleuchteten sein Leben und ließen Schatten für kurze Zeit zurückweichen, an dem Ort, an dem sie keinen Schaden mehr anrichten konnten. Stille und Freiheit all dessen, was ihn bildete, war der Mittelpunkt dessen, was er schrieb, war verbunden mit Do’ren, in einen Text, dessen Sinn er schon wieder vergessen hatte, sobald die Zeichen genug erzählt hatten.
Eine Erschütterung seines Zustandes war spürbar und für einen Moment schwebte er desorientiert an einen Ort, der ihm zuerst unbekannt vorkam, doch dann verstand er.
Er, das war Zo’or und er saß in der Wüste, unter einem wunderbaren Sternenhimmel, hatte einen Datenkristall in der Hand, der nun in den Sand fiel, da er fühlte, dass er gegangen war.
Do’ren hatte die Ebenen gewechselt, ohne dass er ihm gezeigt hatte, wie er sein Gedicht verbessern konnte. Es gab niemanden mehr, den er überflügeln musste.
"Le contraire du suicide, précisément, c'est le condamné à mort."
Albert Camus
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