Bei der Erschaffung von Charakteren ergeht es mir genau wie Emma und Vibe. Anfangs habe ich nur eine sehr vage Vorstellung, was Aussehen oder Alter betrifft, außer ich verknüpfte mit einer Person bereits ein sehr lebhaftes Bild. Ich lerne sie praktisch erst während des Schreibens kenne. Bestimmte Dinge, die eine zentrale Rolle spielen, habe ich zwar vorher festgelegt, aber bis es soweit ist, kann sehr viel passieren. Unter Umständen stelle ich dann fest, dass mein ursprünglicher Plan gar nicht funktioniert.
Meiner Figur "Jemen" hatte ich z. B. nur eine Nebenrolle zugedacht. Aber sie entwickelte dann eine so starke Eigendynamik, die insgesamt auch die ganze Geschichte beeinflusste. Hätte ich hier eingegriffen, um zum ursprünglichen Konzept zurückzukommen, hätte es der Story geschadet.
Ich kann mich erinnern, dass ich, als ich mit dem Schreiben anfing, meine Personen ziemlich festlegte, was Alter, Aussehen und Eigenschaften betraf. Im Nachhinein wird mir klar, dass ich diese Beschreibungen brauchte, um die von mir erschafften Personen erkennen zu können. Meine ersten Geschichten waren so etwas wie Nacherzählungen, und sie basierten auf Fernsehfilme, mit deren Ende ich vielleicht nicht einverstanden war oder die mich so faszinierten, dass ich darüber einfach schreiben musste. Die Personen brauchten nicht neu erschaffen werden, es gab sie ja bereits. Ich musste mir nur merken, wer was war und ebenso musste ich mir merken, wenn ich einem bestimmten Charakter eine Veränderung verpasste.
Später haben sich meine Geschichten dann selbst entwickeln. Einen Bezug zu meinen Charakteren hatte ich glaube ich zunächst gar nicht. Sie haben sich in den Geschichten auch nicht entfalten können, weil ich ihre Verhaltensweisen vorgab. Meine Charaktere war nicht direkte Mary-Sues (endlich weiß ich, was es mit dieser ominösen Person auf sich hat

), aber vermutlich ziemlich dicht dran. Als ich mit dem Schreiben anfing, ging es mir auch nicht darum, irgend jemand eine Geschichte zu erzählen. Es war für mich der einzige Weg, all die vielen Gedanken, die sich in meinem Kopf anhäuften, loszuwerden. Hätte ich nicht schreiben können, hätte ich meine Umwelt wahrscheinlich mit meinen erfundenen Geschichten in den Wahnsinn getrieben.

Ups, ich komme vom Thema ab.
Ich denke, je mehr man eine Person "entwirft" und ihr Gestalt gibt, um so mehr Schwierigkeiten wird man anschließend mit ihr haben. Das Besondere am Schreiben ist ja, dass man vorab nie weiß, wie sich eine Geschichte entwickelt. Man kann eine Handlung noch so genau festlegen, es gibt immer wieder einen Punkt, wo dieser Ablauf nicht mehr funktioniert und es zu einer Änderung kommt. Gäbe es diese Unberechenbarkeit nicht, wäre es für den Schreibenden bald zu langweilig. Und ähnlich wie mit der Handlung ist es auch mit den Charakteren. Auch sie werden erst richtig lebendig, wenn man sie lässt.
Was mir zu Mary-Sue ganz spontan einfällt, ist die neue Serie Dark Angel. Die Hauptdarstellerin ist eine Superheldin, sieht gut aus (Geschmacksache), hat immer coole Sprüche drauf und meistert jede Situation – also eine perfekte Mary-Sue.

Für mich hatte diese Serie einen interessanten Einstieg und wurde dann langweilig, so dass ich außer der ersten Folge keine weitere mehr gesehen habe. Aber es muss ja eine Menge Leute geben, die Dark Angel klasse finden. Demnach würde ich sagen, dass Mary-Sue auch eine Frage der Definition ist.
Eigentlich geht es ja nur darum, dass man den klassischen Mary-Sue-Typ vermeiden soll. Ein Charakter, der niemals Fehler macht, sich niemals selbstkritisch betrachtet, immer nur gewinnt oder sich aufopfert, wirkt auf lange Sicht unglaubwürdig. Das gilt ebenso für die Guten, die immer nur gut sind, und die Bösen, die immer nur böse sind.
So, das war jetzt mal ein bisschen aus meiner Sicht beschrieben.
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Hier war eine umzugsbedingte Lücke
AlienVibe
26.05.2002, 13:40:00
Taoynin: Was Deine Überlegungen zu 'Dark Angel' betrifft, stimme ich Dir zu - die Heldin hat einiges von einer Mary Sue, und zwar von der Sorte, die das darstellt, was viele Zuschauende vielleicht gerne wären: stark, kämpferisch sehr geübt, setzt sich sogar gegen Übermacht durch, weiß stets einhundertprozentig, was richtig ist und was falsch ... was mir an ihr gefällt, ist, daß sie dadurch so gut wie gar nichts mehr von den alten Identifikations-Klischees weiblicher Hauptfiguren hat (sogar in der Science Fiction gibt es diesen angeblich typisch weiblichen Character ja leider immer noch: jammert statt zu handeln, kreischt hilflos, muß gerettet werden, klimpert mit den Augen, ist einfach nur so körperlich schwach, fürchtet sich vor allem und jedem, schmachtet um ihren Liebsten etc.pp.) - mit Ausnahme des Äußeren, das darstellt, was für einen modernen Filmemacher die aktuelle Klasse-Frau ausmacht (das ist ein Thema für sich). Leider wird sie dadurch so merkwürdig eindimensional und damit, wie Du schon sagst, auf die Dauer immer weniger glaubwürdig, was ich schade finde - wieder eine Serie, die viele Möglichkeiten verschenkt.
Obi: Wenn Du sagst, man müsse einen Charakter so gestalten, daß ihn möglichst alle gut finden und man selber auch noch, habe ich den Impuls, Dir sofort zu widersprechen.
Du bist der Autor, in Deinem Kopf entsteht Deine Geschichte, in der Deine Charaktere handeln - also wer muß in erster Linie von diesen Charakteren überzeugt sein und sie, seien sie nun die 'Guten' oder die 'Bösen' im Kontext der Handlung, als richtig, stimmig und kongruent empfinden? Für den Film, den eine Geschichte in mir ablaufen läßt, ist nicht der/die Schreibende verantwortlich, sondern ich allein - wer schreibt, hat alle, aber auch wirklich alle Gestaltungsfreiheit - so, wie ich die Freiheit habe, eine Geschichte zu lesen oder nicht.
So, wie es mir mit Jessicas Geschichte gegangen ist, haben sich mit Sicherheit sehr viele Lesende hier auch mit meiner gefühlt - meine Wahrnehmung der Taelon und Jaridian unterscheidet sich so krass von ihrer eigenen, daß sie sich wahrscheinlich an den Kopf gefaßt oder das Gruseln oder Würgen bekommen haben - und das ist in Ordnung. Ich kann nur zu Papier bzw. in den Rechner bringen, was sich da von selbst schreibt - und einige sagen dazu 'ja' und andere 'nein' - und das ist richtig so.
Wenn Du sagst, Du kannst DliA3 in einem Tag fertig schreiben, dann tue genau das - wenn Deine Charaktere für Dich richtig und gut sind, genügt das. Die Kriterien, die Deine Lesenden darauf anwenden, sind so vielfältig und verschieden wie diese selbst - Du kannst gar nicht allen gerecht werden, diesen Anspruch als Leserin an Dich zu stellen, wäre einfach unverschämt - und was für unendlich langweilige Geschichten würden dabei herauskommen, wenn alle Schreibenden versuchen würden, allen Lesenden gerecht zu werden?