DlK - 015 - Kim und Marcus Devereaux – Scheidewege
Noch immer leicht unwohl und äußerst vorsichtig war Kim in die U-Bahn gestiegen, welche ihn an die Station in der Nähe seiner Arbeit bringen würde. Am liebsten wäre er gar nicht hingegangen, doch dies war ein Luxus, welchen er sich nur sehr schlecht leisten konnte. Außerdem, wo sollte er im Moment sonst hingehen? In die gemeinsame Wohnung? Nein, das kam für den Verstand unter dem bunten Kamm, dessen Zackenspitzen ällmählich leicht unter dem Geschehen des Tages litt, nicht in Frage. Nicht so früh jedenfalls, nicht bevor er wirklich musste. Er brauchte irgendeine Form von Ablenkung, auch wenn es bedeutete, sich genau dorthin zu begeben, wo seiner Ansicht nach all das andere, was folgte, begonnen hatte. Der Gedanke daran wirkte beklemmend.
Vorsichtig strich er Celesta über ihren langen, nur leicht behaarten Schwanz bevor seine Hand zwischen ihre feinen Ohren wanderte, um sie dort zu kraulen, während sie ruhig schnuppernd auf seinem Schoss lag und sich ansonsten kaum rührte. Es tat ihnen wohl beiden gut, dies jetzt zu tun, fand Kim.
Und wieder huschte sein Blick schnell und wie er hoffte ungesehen über die anderen mitfahrenden U-Bahn-Gäste ehe er sich wieder seiner kleinen Freundin - so bezeichnete sie Jebediah gerne - zuwandte. Lange dauerte die rumpliege und laute Fahrt nicht mehr, es waren nur noch zwei Stationen vor der, an welcher er normalerweise ausstieg, wenn er zur Arbeit ging. Unsicherheit überkam ihn. Sollte er wirklich dort auch aussteigen, wirklich zur Arbeit gehen heute?
Es kam ihm fast gar nicht mehr vor, als sei es erst letzte Nacht gewesen, dass er dort gewesen war, sondern.. länger. Aber es waren eigentlich noch gar nicht einmal soviele Stunden vergangen, seit er diese U-Bahn in umgekehrter Richtung gefahren war um nach Hause zu seinem Bett zu kommen. Kims Gedanken schweiften ab, kehrten zurück zu seinem Professor, der, wie er selbst gesehen hatte, nun nicht länger war. Er war tot. Und doch aktzeptierte etwas in dem jungen Hills nicht so ganz, wie dieser gestorben sein sollte, während der Rest noch damit haderte, dass dies alles die Wirklichkeit war. Die nackte Wirklichkeit und nichts anderes.
Seine Station.
Die Türen gingen auf.
Sollte er aussteigen? Zögernd verharrte sein linkes Bein in der Luft knapp über dem Boden, der zum unterirdischen Bahnsteig gehörte. Als nächstes aber bekam der Student nur noch mit, wie er dabei war, eiligst die Treppen nach oben zu flitzen, um die ihm mulmiger als sonst erscheinende Haltestelle schneller hinter sich zu haben. Er war ausgestiegen ja. Und er würde nun auch zu jener Lagerhalle hin gehen. Ro'.. er würde wohl kaum in der nur schlecht ausgeleuchteten Gasse auf ihn warten um ihm irgendetwas antun zu wollen. Nein, das hätte dieser eine Verrückte ohne weiteres schon früher getan, wenn es ihm darum ging, versuchte er sich Mut zu machen, als er nur seine Schritte hörte, die einzig durch das Geräusch der nahen Strasse und der dort fahrenden Autos begleitet wurden, als sie auf dem Kies des lädierten alten Teeres besagter Gasse erklangen. Wenn er jetzt stehenbliebe.. nein, Kim wollte den Gedanken gar nicht zuende denken, es war ihm ohnehin klar, dass es danach umso schwerer wäre, seinen Weg wieder aufzunehmen, er musste es sich dafür nicht erst noch ausmalen.
Und endlich, er hatte es geschafft, trat wieder aus dem Dunkel des Schatten. Noch war es zwar nicht Nacht, aber heller Tag war es auch längst nicht mehr, es war.. ein Frühlingsabend wie immer und doch kam dieser im Düsterer als andere vor.
Das kalte Metall der kleinen Seitentür, durch welche er die umfunktionierte Lagerhalle immer betrat, brachte den Studenten wieder mehr zurück in die reale Welt. Er würde die Daten auf dem Computer noch einmal aufrufen und sich genauer ansehen. Es musste doch irgendeinen bedeutsamen Grund für all das geben. Er hatte ihn nur noch nicht gesehen. Die Türklinke senkte sich unter seinem Griff und öffnete sich automatisch um einen Spalt breit. Warme, leicht stickig riechende Luft kam ihm entgegen. Sofort war Celesta unten an seinem Arm und schnupperte begierig. Schnell schielte er hinein, prüfte unbewusst den näheren Raum um die Türe, ehe sein Blick nach oben an die Decke wanderte, als ob auch von dort Gefahr durch einen von 'denen' drohen konnte. Doch er sah nichts, das verdächtig auf ihn wirkte. Und so betrat Kim schließlich mit gezwungen normalem Blick und Auftreten die Halle, schloss dann die Tür wieder hinter sich und ging in Richtung seines Arbeitsplatzes. Er war pünktlich. Aber dennoch war von jenem Manne, denn er üblicherweise an diesem Tag abgelöst hätte, keine Spur. Der Sitzplatz vor den vier Monitoren war aber auch nicht frei, sondern durch einen anderen besetzt. Irritiert blieb der bunte Kamm am anfang der Reihe, in welcher auch sein Platz sich befand, stehen und beobachtete den Fremden. War hier noch ein 'Unfall' geschehen? Die Frage kam zu keiner Antwort. Denn, viel wichtiger war ihm plötzlich, was der Halbschwarze da gerade tat. Man konnte ihm ganz sicher nicht sagen, dass er hier normal arbeitete, dafür wirkte jener einfach zu beschäftigt mit der Anlage, die aus vier Monitoren und ebenso vielen einzelnen Rechnern bestand.
Schritt um Schritt trat Kim näher, wollte wissen, was dieser hier tat. War dieser hier neu tätig und glaubte sich nicht an die Regeln halten zu müssen? Nein, neu schien er nicht zu sein, dafür kam er mit all den Fenstern und Programmen zu gut aus, wie der Student glaubte, als er nah genug an seinem Arbeitsplatz stand. Hochkonzentriert blickten die Augen des Schwarzen auf die Bildschirme, während seine Finger flink über die Tastatur huschten. Zu konzentriert, als dass sich der Kopf mit den vielen langen Afro-Zöpfen ihm auch nur für einen Augenblick zugewandt hätte. Für Momente blieb Kim einfach nur so stehen und sah zu. Dann erst erachtete er die Tätigkeit des Unbekannten als eine Frechheit, im Besonderen deswegen, da dieser selbst jetzt, da er eigentlich ertappt war, nicht davon abließ.
"Was tun sie da?", fragte er schließlich den anderen auf sein Tun hinweisen wollend.
Nicht von seiner Tätigkeit aufblickend erwiderte der Angesprochene in knappen und leicht abwesend klingenden Worten: „Nur meine Arbeit.“
"Ihre Arbeit?", wiederholte der Student leise etwas ungläubig, "Danach sieht das hier aber nicht aus.", wobei er mit seiner Hand in einer leicht beschwingten Geste auf den Bildschirm hinwies, in welchem die Aktivitäten des Schwarzen im Moment zu sehen waren. Celesta, die längst wieder auf den Schultern ihres Herrchens gesessen hatte, aber schlüpfte nun in den Kragen des Pullovers und näherte sich ungesehen unter der Bekleidung der Bauchregion um so dem neuen, fremdlich anmuteten Geruch näher zu sein.
Kurz wandte der Farbige seinen Kopf zu dem Fragesteller hin, um diesem zu erwidern: „Nach was sieht es denn ihrer Meinung nach aus?“
Kim schwieg, sah genauer auf das was auf den Bildschirmen vor sich ging und suchte eine Antwort. Jedoch stoppte dies, als ihm auffiel, dass die Fenster reichlich wenig mit der Art von Eingabe zu tun zu haben schien, die der weiterhin beschäftigt wirkende auf der alten Tastatur tätigte. Wozu er diese aber sonst sein sollte, konnte der Student nicht einmal erraten. Zum einen waren die Eingaben zu schnell getätigt, zum anderen kannte er selbst dieses System nur bedingt weiter, als es die Erfüllung seiner Arbeit erforderte. Was machte der Schwarze nur mit den Computern des Projektes? Sicher nichts, dass er sollte. In ihm stieg das Bedürfnis zurückzutreten und besser wieder wegzugehen, aber er gab ihm nicht nach. Eine Stimme in ihm machte lediglich noch deutlicher, dass selbst wenn sein Gegenüber mit 'denen' zu tun hatte, es sowieso keinen Unterschied machte. Sie wussten doch sowieso schon alles über ihn und seine Mitbewohner, wie man ihm mittlerweile sehr deutlich gezeigt hatte.
Helles, schnelles Blinken, dass von unten in sein Auge zu flimmern schien, machte den Studenten plötzlich darauf aufmerksam, was er zuvor nur nebensächlich registriert hatte. Der Festplattenzugriff war stark erhöht. Wobei.. was hieß erhöht? Die Festplatten aller vier Rechner schienen laut den Dioden völlig ausgelastet zu sein. Noch ein weiterer Grund dafür, dass seine Vermutung die Darstellungen hätten wenig mit den Tastatureingaben zu tun, stimmen mochte. "Sie nutzen das System nicht zu dem Zweck, zu dem es bereitgestellt ist, verzögern so vermutlich auch die Verarbeitung der eigentlichen Daten.", meinte er schließlich mit nur leicht unsicherem Ton, der mehr deswegen unsicher klang, weil er nicht recht wusste, ob das System dabei wirklich beeinträchtigt wurde.
Ohne in seiner Tätigkeit innezuhalten, zu welcher sich der bunt gekleidete Mann nach seinen zuletzt geäußerten Worten wieder schweigend hin umgewandt hatte, ließ er den hinter und leicht neben ihm stehenden jungen, buntkammigen Studenten wissen: „Gratuliere, wenn sie mir jetzt auch noch sagen was genau ich mache, haben sie den Jackpot geknackt.“
Nachdem er sich wohl überlegt hatte, ob er darauf eingehen wollte, da er damit sein Mitwissen kundgeben würde, erwiderte er ratend: "Es hat mit letzter Nacht zu tun?". Wobei er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was wer auch immer deswegen hier tat. Die Informationen waren doch nicht nur hier, und wenn einer von deren Existenz wusste, so wäre es doch mit Sicherheit leichter gewesen, diese auf ihrem Wege an ihr Ziel abzufangen. Jedenfalls stellte sich Kim dies so vor.
Einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr werfend erwiderte der Farbige gelassen: „Letzte Nacht? Was war da denn?“
wird fortgesetzt ...