Qu’nin erwacht!
Es war eine dunkle Neumondnacht, die den Sternenhimmel in all seiner Pracht zur Geltung kommen ließ. Hor-descher strahlte in tiefem Rot und der Glanz Hor-ka-pets übertraf wie immer den hellen Seba-schemau-pet.
Jahrtausende alte Luft und Dunkelheit umgaben Dinge, die nicht an jenen Ort gehörten. Verborgen in uraltem Fels, zwischen den heiligen Stätten der maa-cheru sa Re, der Söhne Res, befanden sich längst vergessene Relikte, deren Heimat weder Kemet war, noch eines der umliegenden Länder. Vor vielen Überschwemmungen war Ruhe eingekehrt in jene Felsenkammer, in die Res Strahlen nicht einzudringen vermochten. Doch nun spürte ein lebendiger Teil dessen, was sich in der Kammer befand, die Annäherung von etwas Vertrautem. Und so, wie es vor langer Zeit befohlen worden war, weckte es den, der geschlafen hatte, damit er zu den Seinen Kontakt aufnehmen konnte. Ein sanftes Leuchten begann, den Raum in Dämmerlicht zu hüllen, als sich die Systeme reaktivierten.
Langsam kehrte der Geist des Taelons zurück in die Realität. Deutlich verwirrt und desorientiert fühlte er mit geschlossenen Augen in seine Umgebung hinein. Mit der Zeit wurde ihm klar, wo er sich befand und dass alles noch so war, wie er es 'verlassen' hatte. Zögernd öffnete er seine Augen. Er fühlte sich schwach... Und mit einem Mal stürzten verschiedene Gedanken gleichzeitig auf ihn ein, was ihn dazu veranlasste, seinen Versuch sich aufzurichten, abzubrechen. Zurücksinkend begann er damit, seine Gedanken zu entwirren und nacheinander zu betrachten. Er war aufgeweckt worden, das hieß, Taelons näherten sich der Erde. Taelons... Das Gemeinwesen... Er konnte es kaum noch spüren. Selbst die wenigen anderen, die so waren wie er, konnte er kaum spüren, dabei war diese Verbindung immer stark gewesen. Es war nicht gut, so weit weg vom Gemeinwesen zu sein... Doch er geriet nicht in Panik, so wie es bei vielen anderen sicher der Fall gewesen wäre. Er musste Ruhe bewahren, damit er rational denken und eine Lösung finden konnte. So war es ihm beigebracht worden.
Schließlich stand Qu'nin doch auf. Seine Bewegungen waren langsam und nur auf das Nötigste beschränkt. Er musste mit der ihm verbliebenen Energie sparsam umgehen. Zielstrebig trat er von der Stasis-Kapsel weg, auf die Systemkontrollen zu und rief Informationen darüber ab, wie lange er hier gewesen und was der Grund der Reaktivierung war. 'Rund 2000 Erdenjahre.' Er registrierte diese Information ohne jegliche Wertung und wandte sich dem Ergebnis seiner zweiten Anfrage zu. Zwei Taelons näherten sich der Erdoberfläche in einem Späher.
Qu'nin hatte seine rechte Hand schon leicht erhoben, um einen Kommunikationskanal zu Zihra'an, seinem früheren Mentor, zu öffnen. Es war seine Pflicht, von den Geschehnissen zu berichten, von dem, was Ma'el getan hatte. Doch etwas hielt ihn zurück. Die Taelons durften nicht herkommen, durften nicht die Menschen erforschen, sich ihnen offenbaren und sie benutzen und manipulieren. Unschlüssig ließ der Taelon seine Hand zuerst wieder sinken, erhob sie dann jedoch wieder halb. Sie durften nicht herkommen! Erleichtert stellte er fest, dass sich anscheinend noch keine anderen Taelons auf der Erde befanden. Das würde es leichter machen. Er würde Zihra'an kontaktieren und ihn davon in Kenntnis setzen, dass es am besten für die Taelons wäre, umzukehren. Die Erde und ihre Bewohner waren nicht für sie bestimmt. - Noch nicht. - Nein. Er korrigierte seine eigenen Gedanken. Das würde nicht reichen. Eine solch schwerwiegende Entscheidung würde nicht auf Grund seines Urteils, des Urteils eines vergleichsweise unerfahrenen Taelons, getroffen werden. Zumal er schließlich auch 'nur' Philosoph war. Er musste einen anderen Weg finden. Noch war ihm dies möglich, noch war er unentdeckt... noch hatte er Energie.
Würden sie die Erde verlassen, wenn sie feststellten, dass ihre Bewohner gefährlich waren? Dass sie Taelons gefährlich werden konnten?
Qu'nin sorgte dafür, dass er, sobald der Späher landete, über den Standort informiert werden würde. Dann legte er sich erneut in die Stasis-Kapsel, jedoch ohne diese zu aktivieren. Er wollte sich einfach nur ausruhen und dadurch Energie sparen, dass er ruhig liegen blieb, solange es nichts für ihn zu tun gab.
Seine Gedanken wanderten umher. Er fühlte sich so einsam, wie noch nie zuvor... Aber es war nicht wichtig, wie er sich fühlte. Seine Gedanken wanderten weiter. Sogar jetzt, nach diesen wenigen Bewegungen seit seinem Erwachen, spürte er Erschöpfung. Würde er in diesem Zustand tun können, was er tun musste? Leise Zweifel kamen in ihm auf. Er erinnerte sich vage, dass seine Einstellung der Rasse gegenüber, die sich Menschheit nannte, damals nicht die gleiche gewesen war wie jetzt. Doch dieser Gedanke verschwand zu schnell wieder, entwand sich seinem Griff, bevor er ihn näher betrachten konnte. Er hatte keine Wahl, er musste handeln. Würde er Kontakt zu anderen aufnehmen, würden sie ihn in bald Stasis schicken.
Irgendwann riss ein leiser Signalton den Taelon aus seinen Gedanken. Erneut stand er auf und wandte sich den Kontrollen zu. Es sah zwar nach einer kontrollierten Landung des Spähers aus, wie Qu'nin feststellte, jedoch fragte er sich, warum sie in einem Teil des Ozeans, der diesen ganzen Planeten zu einem Großteil bedeckte, landeten. Immerhin konnte es sein, dass es eine Art Notlandung gewesen war... Wäre es so und würde er nun nichts unternehmen, dann bestünde zumindest die Möglichkeit, dass jene beiden Taelons ihren Auftrag nicht würden erfüllen können. Doch sicher kämen dann andere Taelons... Qu'nin schreckte vor dem Gedanken zurück, seinen 'Brüdern' Hilfe zu verweigern, die sie eventuell benötigten. Dies war keine akzeptable Handlungsalternative. Doch vielleicht konnte er die beiden davon überzeugen, einen Bericht zu überbringen, der ganz in seinem Sinne war.
Einen Moment zögerte Qu'nin, stand regungslos vor dem Datenstrom und überlegte. Zu Ma'els Verfügung hatte, neben seinem Schiff, auch ein kleines Shuttle gestanden, mit dem er verschiedene Orte auf diesem Planeten bereist hatte. Dieses Shuttle befand sich, gut versteckt, in einer anderen Felsenkammer auf der gegenüber liegenden Seite des set-weret, des Großen Ortes, eines Wüstentales nahe der Tempelanlagen Wasets. Doch der Philosoph konnte nicht sagen, ob jenes Shuttle noch über genügend Energie verfügte, um die beiden Taelons her zu bringen. Um das heraus zu finden, müsste er zu dem Shuttle gehen. Also nahm Qu'nin einen kleinen, flachen Gegenstand von einer Ablagefläche, die sich rechts von ihm befand, und transferierte die Koordinaten des Spähers auf den Datenträger, bevor er den Befehl gab, den Ausgang frei zu geben.
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