Langsam, Schritt und Schritt kam er voran, bis der Student mit dem bunten, gezackten Kamm schließlich am Schalter stand. Hinter ihm waren mehrere Leute, die ihm gleich an einem der vielen Schalter anstanden. „Guten Nachmittag. Ich würde gerne die gestern verunglückte Renia R. Winter besuchen.“, brachte Kim höflich sein Anfliegen vor.
Die hinter dem Schalter stehende Schwester schaute aus dem Aktenordner auf, in den sie soeben etwas eingetragen hatte. Sie setzte ihr professionelles, freundliches Lächeln auf und musterte den jungen Mann, der vor ihr stand, nur kurz. „Guten Tag. Winter, sagten Sie, war der Name? Renia R. Winter?“ Während sie auf die Antwort wartete, öffnete sie schon einmal das entsprechende Computerprogramm, mit dem Sie herausfinden konnte, wo welcher Patient untergebracht war.
Kim nickte zustimmend. „Ja, richtig. Winter.“, wiederholte er den Nachnamen seiner Mitbewohnerin seine Aufregung darüber, ob er sie finden würde, unterdrückend.
Sie tippte den genannten Namen ein und bekam schon nach wenigen Sekunden das Ergebnis ihrer Anfrage. „Dürfte ich erfahren,“ fragte die Krankenschwester als sie sah, dass die Patientin auf der Intensivstation lag, „in welchem Verhältnis Sie zu Miss Winter stehen?“
„Renia und ich, wir leben zusammen in derselben Wohnung.“, beantwortete Kim die Frage ohne zu lügen, einzig in dem er die Wahrheit etwas überspannte.
„Sind Sie mit ihr verwandt?“ wollte die Schwester wissen. Sie benötigte genauere Angaben um entscheiden zu können, ob der junge Mann zu Miss Winter durfte.
Diese Frage hatte Kim schon einmal heute gehört. In der Klinik der Universität. Dort war Quinn kurz davor verstorben. Quinn, sein Professor, Professor in der Astrophysik. War Renia etwa...? Nein, alles in Kim wehrte sich gegen diesen Gedanken, lehnte sich dagegen regelrecht auf. Voller Angst sah er die Schwester am Schalter an. Würde sie, so er die Frage mit Ja beantwortete, ihn gleichsam an einen Arzt weiter verweisen, der...? Nein. Der Student wich zurück. Stockte, fragte sich, ob Ro' hier wohl gewesen war. Wenn, dann fürchtete er für Renia das Schlimmste. Wieso aber, hätte er in diesem Moment nicht klar sagen können, es war einfach sein erster Gedanke.
Ein wenig besorgt schaute die Schwester den jungen Mann vor dem Schalter an. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Er sah doch sehr geschockt aus, diesen Blick hatte sie schon des Öfteren gesehen, also fügte sie hinzu: „Sie lebt noch, falls es das ist, was Sie so beunruhigt. Aber könnten Sie bitte meine Frage beantworten?“
Kim hielt sich fest an der Platte des Schalters fest. Wobei er die an ihn gerichteten Fragen zwar vernommen hatte aber darauf nicht einging. „Sie lebt.. noch?“, fragte er nachdem er einmal kurz leer geschluckt hatte besorgt nach. Nun hielt er sich nicht nur mehr daran fest, sondern seine Finger klammerten sich regelrecht an die Steinplatte.
Nickend fragte die weiß bekleidete Frau „Geht es es Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“ und war dabei schon halb um den Schalter herum getreten, um den Mann nötigenfalls abzufangen, sollte er umkippen.
„Was ist mit Renia?“, fragte Kim weiter, mit den Augen der Schwester folgend, dabei ließ er mit einer Hand den kühlen Stein los um nicht allein den Kopf drehen müssen. Er hatte fast schon zu einer weiteren Frage angesetzt, schluckte diese aber wieder hinunter. Wie sollte sie ihm diese auch beantworten können?
„Machen Sie sich keine Sorgen, sondern beruhigen Sie sich erst einmal. Möchten Sie sich nicht vielleicht hinsetzen? Soll ich Ihnen etwas Wasser holen?“ Mit ruhiger Stimme sprach die Schwester diese Fragen aus, wie sie es schon unzählige Male zuvor getan hatte. Was brachte dem jungen Mann eine Information, wenn er gleich danach kollabieren würde? Außerdem wusste sie ja immer noch nicht, ob er überhaupt dazu berechtigt war, etwas über Miss Winters Zustand zu erfahren.
„Mir fehlt nichts.“, erwiderte Kim Hills leicht verwirrt, er war nicht wegen ihm selbst hier, sondern wegen Renia. Immerhin wusste er nun, sie war hier, sie war laut den Datenkontrollblättern auch noch am Leben, doch schwebte sie in Gefahr? Langsam ließ er doch die Platte des Schalters los und willigte zumindest stillschweigend an, sich zu setzen, indem er einen kleinen Schritt unternahm.
Auf eine Reihe von Stühlen deutend nickte die Krankenschwester. Der junge Mann war also doch noch vernünftig genug, seinen Zustand einzusehen. Da er der letzte in der Reihe der Wartenden gewesen war, nahm sie sich die Zeit, sich zu ihm zu setzen. Vielleicht würde nun von sich aus ihre Frage beantworten.
Kim folgte der Schwester und setzte sich hin, nachdem er den Rucksack vom Rücken genommen hatte. Die Tasche klemmte er zwischen seinen Waden ein, atmete dann einen Moment durch, bevor er sich wieder auf die Welt um sich herum konzentrierte. Er wusste nicht, was er sagen sollte, außer nur nochmals zu bekräftigen, dass ihm nichts fehlte. „Wirklich, mir fehlt nichts.. ich .. es war heute nur wirklich zu viel los...“, erklärte er sodann das was er glaubte erklären zu müssen um nicht abermals falsch verstanden zu werden.
Die Schwester nickte mit einem verständnisvollen Gesichtsausdruck. „Wenn es Ihnen wieder ein wenig besser geht“, begann sie nach einer Weile, „dann können Sie mir jetzt sagen in welchem Verhältnis Sie zu Miss Winter stehen. Dann sehen wir weiter.“
„Wie ich schon sagte, sie lebt mit mir in einer WG, wir sind beide Studenten… aber ich mache mir extreme Sorgen um sie. Es geht ihr wirklich gut?“, erwiderte der punkige Student fragend.
„Sie sind also nicht auf irgend eine Art und Weise verwandt?“ Die Schwester mochte es nicht sonderlich, derart bürokratisch vorzugehen, aber so war es ihr vorgeschrieben. Der Student schien wirklich ernsthaft besorgt um die junge Frau zu sein; möglicherweise konnte er zu ihr, wenn sie mit dem zuständigen Arzt sprach.
„Nicht, dass ich mir dessen bewusst wäre.“, blieb der Student ehrlich, als er kurz auf seinen Rucksack hinabblickte und sie dann wieder direkt ansah. Was diese Antwort, welche er gerade gegeben hatte, für ihn bedeutete, wusste er nicht.
„Na, dann werde ich mal sehen, ob sich da etwas machen lässt.“ Sie lächelte dem Studenten kurz aufmunternd zu und fragte dann nach seinem Ausweis.
Kim Hills griff in seine Jackeninnentasche und förderte dort eine kleine Brieftasche hervor, in deren Mitte er stets seinen Ausweis eingeklemmt hatte. Kurz prüfte er diesen selbst, ehe das kleine ihn ausweisende Stück der Krankenschwester etwas vorsichtig mit einem „Hier bitte.“ überreichte.
Den Ausweis an sich nehmend und dabei lächelnd stand die Krankenschwester auf und holte ein Formular und einen Kugelschreiber. Als sie sich wieder zu Kim Hills gesetzt hatte begann sie damit, das Formular auszufüllen, soweit es ihr mit den Angaben möglich war, die auf dem Ausweis zu finden waren. Als sie damit fertig war, reichte sie dem Studenten mit der ungewöhnlichen Frisur das Blatt und den Kugelschreiber. „Bitte überprüfen Sie die Angaben und füllen Sie die restlichen Felder aus“, bat sie ihn freundlich und stand beinahe gleichzeitig erneut auf, um sich hinter den Computer zu setzen und nachzusehen, welcher Arzt für Renia Winter verantwortlich war. Gleich darauf erkundigte sie sich in einer neben dem Computer liegenden Liste, ob Doktor Crusher zur Zeit Dienst hatte.
Kim wartete ungeduldig und auch immer noch mit starker Sorge um seine Mitbewohnerin ab, bis die Krankenschwester scheinbar fertig war, nahm dann das Formular, welches auf einem festen Bogen angebracht war, sowie das kleine Schreibutensil, entgegen. Schnell hatte er die eingetragenen Felder überprüft und mit seiner eigenen Schrift das Fehlende ergänzt. Erhob sich dann aber und kehrte an den Schalter zurück, wo die Frau bereits was anderes tat, aber noch immer seinen Ausweis behalten hatte. Weswegen auch immer. Etwas mulmig war ihm noch immer, doch versuchte er nicht weiter daran zu denken, dass Ro' oder einer von 'denen' mit Renias Zustand irgendwie zu tun haben könnte oder noch hat. Still, um die Schwester nicht mehr als nötig abzulenken, legte er den Karton mitsamt Schreiber auf die Steintafel und schulterte seinen Rucksack etwas besser.
Der Arzt war nicht mehr anwesend, seine Schicht war seit einer Stunde zu ende. Also griff die Krankenschwester zum Telefon und wählte die Nummer der Intensivstation, auf der zur Zeit die Oberschwester Dienst hatte. Während sie darauf wartete, dass am anderen Ende der Leitung jemand den Hörer abnahm, legte sie den Ausweis des Studenten auf den Tresen und schob ihn in seine Richtung.
Kim nahm den Ausweis schweigend wieder entgegen und versorgte ihn Rasch an der richtigen Stelle eingeklemmt in der Geldbörse, welche sogleich mit einer geschickten Bewegung wieder in der Jacke verschwand. Still versuchte er dann zu warten, betend, dass er zu ihr durfte. Er hatte noch etwas Zeit, ehe er zur Arbeit musste, doch wollte der Student keinenfalls nun ausrechnen, wie viel es genau war. Renia war ihm wichtiger.
Carla hörte das Klingeln und machte sich auf zum Telefon, da sie gerade bei keinem der Patienten gebraucht wurde. Ruhig nahm sie den Hörer ab und meldete sich mit Namen und Stationsangabe, bevor sie auf die Gründe des Anrufes wartete.
„Schwester Kathrin von der Aufnahme“, meldete sich die Schwester. „Bei mir steht ein junger Mann, der eine Patientin der Intensivstation besuchen möchte. Es gibt nur leider ein kleines Problem mit der Berechtigung.“ Solche Fälle hatte sie schon ab und an mit jener Oberschwester besprochen und Kathrin war sich sicher, dass die andere wusste, was sie meinte. „Kann ich ihn zu dir hochschicken, damit du das klärst?“
„Ein Problem mit der Berechtigung?“, fragte die Oberschwester nach, „Du weißt, dass bei uns die eigentliche Besuchszeit fast rum ist, oder?“, machte
dann eine kurze Pause, in der sie selbst abwog, ob sie zustimmen sollte, dass derjenige, den Kathrin meinte zumindest einmal hochkommen sollte, nickte dann aber, als sie leiser meinte, „Gut, schick ihn mal hoch, ich werde sehen, was sich machen lässt.“ , wobei ihr Tonfall schon verriet, dass sich die Schwester derartige Anfragen nicht zur Gewohnheit machen sollte.
„Ja... Ich danke dir.“ Den Hörer wieder auflegend nickte die Schwester dem Studenten kurz zu. „Sie können zur Intensivstation gehen und dort anklingeln. Nehmen Sie das bitte mit.“ Dabei deutete sie auf das ausgefüllte Formular. „Möglicherweise dürfen Sie ihre Freundin besuchen.“
Sichtlich erfreut über die Möglichkeit lächelte Kim, denn etwas von den Lasten auf ihm war für diesen Moment leicht von ihm gehoben. Vorsichtig und voller Wertschätzung nahm er sogleich das Formular entgegen und nickte dankbar der Schwester zu, während er sich ebenfalls dankend verabschiedete: „Vielen herzlichen Dank, Schwester!“, dann aber, ehe er losging kurz noch stockte um zu fragen, „Verzeihen sie, wie komme ich denn am Besten dorthin?“
wird fortgesetzt …
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